Bei Razzien in Brüssel nahmen Polizisten zwei Tage nach den Anschlägen sechs Verdächtige fest. © Vincent Kessler/Reuters

Der Terrorverdächtige Salah Abdeslam ist in den vier Tagen zwischen seiner Festnahme und den Anschlägen in Brüssel am Dienstag laut einem Medienbericht nur einmal verhört worden. Sven Mary, der Rechtsbeistand des 26-jährigen Franzosen, habe dies am Donnerstag bestätigt, berichtete das Nachrichtenportal Politico. Laut zwei Quellen aus Ermittlungskreisen gab es dafür, dass die Vernehmung nur etwa eine Stunde dauerte, gesundheitliche Gründe. Bei seiner Festnahme am Freitag war Abdeslam leicht am Bein verletzt und anschließend operiert worden. Während des Verhörs in seinem Gefängnis in Brügge habe er am Samstag "sehr müde gewirkt".

Darüberhinaus habe das Verhör keinerlei Hinweise auf die bevorstehenden Anschläge in Brüssel ergeben, sagten beide Informanten dem Bericht zufolge. Das habe vermutlich daran gelegen, dass die Ermittler während der Befragung chronologisch vorgegangen seien und Abdeslam zunächst nur zu den Pariser Anschlägen vom 13. November vernommen hätten.

Auch der französische Staatsanwalt François Molins sieht sich Anschuldigungen ausgesetzt. So beschwerte sich nicht nur Abdeslams Anwalt darüber, dass Molins unerlaubterweise über Details aus den Vernehmungen gesprochen habe. Politico berichtete auch über Kritik aus belgischen Ermittlerkreisen: "Wir hätten mehr Zeit gehabt (zur Vermeidung der Brüsseler Anschläge), wenn die Franzosen das nicht an die Presse weitergegeben hätten."

Polizei war vor Anschlag schon in der Unterkunft der Attentäter

Im Zuge der Ermittlungen zur Brüsseler Terrorserie wurde bekannt, dass die belgische Polizei bereits im Februar in der Unterkunft der Attentäter gewesen sei. Die Beamten wurden am 9. Februar in das Haus in der Max-Roosstraat 4 gerufen, weil dort vom Dachgeschoss eine Fensterscheibe auf ein geparktes Auto gefallen war, wie die Autobesitzerin der Nachrichtenagentur AP sagte. Ein Polizeibericht bestätigte ihre Angaben: Die Autobesitzerin, die in der Nähe des Verstecks arbeitet, sagte der AP, sie habe die Polizei gerufen, nachdem sie die heruntergefallene Scheibe auf ihrem Auto entdeckt habe. Sie habe vermutet, dass die Scheibe bei Bauarbeiten heruntergefallen sei, und auf Entschädigung gehofft. Zwei Beamte seien gekommen und bis zum Dachgeschoss nach oben gegangen. Ob sie dort auch die Wohnung betraten, war allerdings unklar.


In dem Dachgeschoss fanden Ermittler nach den Anschlägen vom Dienstag die Bombenwerkstatt der Angreifer samt 15 Kilogramm Sprengstoff. Unklar ist jedoch, ob sich die Angreifer bereits Anfang Februar in der Wohnung aufgehalten hatten und ob die herbeigerufenen Beamten möglicherweise nahe daran waren, sie zufällig zu entdecken. Die Polizei wollte zu dem Fall keine Stellung beziehen, die Staatsanwaltschaft war nicht erreichbar.

Hat Belgien Warnungen ignoriert?

Der US-Fernsehsender NBC berichtete am Donnerstag unter Berufung auf nicht näher genannte Verantwortliche, die beiden Brüder unter den Selbstmordattentätern seien den US-Behörden als Terrorverdächtige bekannt gewesen. Dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan zufolge hatten die türkischen Behörden Belgien gewarnt, dass es sich bei einem von ihnen abgeschobenen Mann – laut türkischen Regierungskreisen Ibrahim El Bakraoui – um einen "ausländischen terroristischen Kämpfer" handelte. Der belgische Justizminister Koen Geens warf der Türkei hingegen vor, zu spät gewarnt zu haben: zu diesem Zeitpunkt sei der spätere Attentäter bereits im Land gewesen.

Die belgischen Sicherheitsbehörden stehen schon seit den Pariser Anschlägen vom November massiv in der Kritik, weil diese in Belgien vorbereitet wurden. Mehrere belgische Medien spekulierten, dass das Land einem noch größeren Terroranschlag entgangen sein könnte. Möglicherweise seien Anschläge nach Pariser Vorbild geplant gewesen. Dort hatten mehrere Attentäter auch mit Schusswaffen auf Restaurant- und Café-Gäste geschossen. 130 Menschen wurden getötet.

Behörden sollen Laachraouis Familie kaum behelligt haben

Der Bruder von Najim Laachraoui, einem der Selbstmordattentäter vom Brüsseler Flughafen, zeigte sich "betroffen" und "niedergeschlagen" angesichts der Gewalttat. "Ich wollte nicht glauben, dass er es war, aber man kann sich seine Familie nicht aussuchen", sagte Mourad Laachraoui am Donnerstag vor Journalisten. Bereits zuvor hatte der 20-jährige Taekwondo-Sportler in einer kurzen Mitteilung erklärt, seine Familie habe keinen Kontakt zu Najim mehr gehabt, seit dieser im Februar 2013 nach Syrien gereist sei. Die Ausreise habe die Familie der Polizei gemeldet, woraufhin aber nichts Wesentliches geschehen sei. Erst nach den Attentaten von Paris im November habe es eine Hausdurchsuchung gegeben. "Man hat uns gesagt, dass es eventuell eine Verbindung gibt", sagte Mourad. Nach den Anschlägen vom Dienstag wiederum habe die Familie nichts von der Polizei gehört.