Polizeibeamte in der Nähe der U-Bahn-Station Maelbeek in Brüssel © Laurie Dieffembacq/dpa

Der Abend des 22. März, an dem so viele Menschen starben, beginnt in Brüssel mit einem zauberhaften Sonnenuntergang. Der Himmel wölbt sich über der Stadt, zartes Orange und weiches Rosa, endlich ein Hauch von Frühling. Endlich können wir hinunter auf die Straße, raus aus dem Büro, das wir für viele Stunden nicht verlassen durften. Die belgischen Sicherheitsbehörden hatten es so angeordnet, nach den Anschlägen am Morgen. Das erste, was einem jetzt am Abend auffällt, ist die Ruhe. Selbst die Sirenen der Einsatzwagen sind verstummt.

Die Rue de la Loi ist noch immer abgesperrt, sonst schieben die Autos sich hier auf fünf Spuren stadteinwärts. Oberhalb der U-Bahn-Station Maelbeek sind Planen aufgespannt, ein Polizeiwagen steht quer auf der Straße. Fotografen und Kameraleute versuchen dennoch, einen Blick auf die Rettungsarbeiten zu erhaschen. Gerade so, als hätten die belgischen Fernsehsender im Laufe des Tages nicht schon genug Blut und Leid und leblose Körper gezeigt, nur die Gesichter der Opfer grob gepixelt. Stadtauswärts, im Jubelpark, schimmert das Triumphtor, das an die Gründung Belgiens vor bald 200 Jahren erinnert.

Brüssel - Die Anschlagserie in Brüssel im Überblick Eine Anschlagserie im Flughafen und in der Metro erschütterte die belgische Hauptstadt Brüssel. Dutzende Menschen wurden getötet, Hunderte zum Teil sehr schwer verletzt.

In die andere Richtung, stadteinwärts, führt die Rue de la Loi zum Sitz des belgischen Parlaments, davor liegt der unscheinbare Amtssitz des Premierministers. La seize, Hausnummer 16. Auch dieser Teil der Straße ist gesperrt. Für 19 Uhr ist eine Ansprache des belgischen Königs angekündigt, wir kehren ein, um seinen Auftritt in Ruhe zu verfolgen. Vor vier Monaten, im November, als Brüssel schon einmal stillstand, weil Terroristen die Stadt bedrohten, weilten der König und die Königin in einem Wellnesshotel in der Bretagne. Paparazzi hatten die beiden dort im Bademantel abgelichtet. Diesmal ist Philippe zu Hause im Schloss, aber er verliert auch jetzt nicht viele Worte. Seine Ansprache dauert kaum eineinhalb Minuten: Das Land in Trauer, meine Frau und ich teilen den Schmerz, ansonsten Entschlossenheit, Ruhe, Würde. Am Tisch neben mir knutschen zwei Männer.

Brüssel ist eine kleine, kompakte Metropole

Der Große Platz, Brüssels Prunkstück, fast menschenleer. Diejenigen, die Trauer oder Trost suchen, treffen sich etwas weiter, vor der alten Börse. Das prächtige Gebäude wird seit Langem nicht mehr genutzt, aber auf der Treppe unter den neoklassizistischen Säulen hängen bei gutem Wetter die Jungen ab. Brüssel ist die Hauptstadt eines zerrissenen Landes, es gibt hier viel Geschichte, aber keinen Ort wie die Place de la République in Paris, an dem eine Nation sich ihrer selbst versichert. Also haben die Menschen im Laufe des Tages den Platz vor der Börse gewählt und auf das Trottoir mit Kreide gekritzelt, was sie bewegt: Unis contre la haine, gemeinsam gegen den Hass. Tous ensemble, alle zusammen. Je suis Bruxelles, oder wahlweise auf Niederländisch: Ik ben Brussel. Die Emotionen sind zweifelsohne echt, aber die Slogans wollen nicht so recht verfangen. Es ist nicht mehr der erste Anschlag.

Mit einem Mal stehen Charles Michel, der belgische Premierminister, und EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker vor der Börse. Stumm entzünden sie zwei Teelichter, auch diese Geste wirkt ein wenig ratlos. Wie trauert eine Nation, der es so schwerfällt, sich überhaupt als Nation zu begreifen? Stärkste Kraft in der Regierung sind die flämischen Nationalisten, die den belgischen Staat am liebsten abschaffen würden. Sie stellen auch den Innenminister, und ausgerechnet der muss nun beweisen, dass dieser Staat und seine Sicherheitsbehörden funktionieren.

Brüssel ist eine kleine, kompakte Metropole. Von der Börse hinüber nach Molenbeek sind es zu Fuß kaum 15 Minuten. Am Anfang der Rue Antoine Dansaert spaziert man an Boutiquen vorbei, schnell wechseln sie mit Bars und Kneipen ab, kurz vor dem Kanal kommen uns drei Jogger entgegen. Jenseits des Kanals liegt das nun weltbekannte Molenbeek, die Brutstätte der Dschihadisten. An diesem Abend, an dem der Terror die Stadt in seinem Bann hält, scheint auch Molenbeek wie ausgestorben. Es ist kurz nach acht, die meisten Geschäfte sind bereits geschlossen. Nur beim Handy Doc und in einem Foodstore ist noch Licht. Der Gemeindeplatz vor dem Rathaus liegt wie wie leergefegt, die Fahne hängt auf halbmast. Nicht ein einziges Kamerateam ist hier, noch binden andere Schauplätze die Aufmerksamkeit.

Auch in der Rue des Quatres Vents, der Straße der vier Winde, weist nichts auf das Drama der vergangenen Woche. Geduckte Häuser mit verwaschenen Fassaden, hinter heruntergelassenen Rollläden murmeln Fernseher halblaut vor sich hin. Drei Tage lang hatte sich Salah Abdeslam, der mutmaßliche Paris-Attentäter, hier versteckt, bevor er am Freitag festgenommen wurde. Hausnummer 79, nicht weit von seinem Elternhaus entfernt. "Von Molenbeek nach Molenbeek", hatten die belgischen Zeitungen fassungslos getitelt. Und nun, führt der Weg von Molenbeek nach Maelbeek?

Es ist dunkel geworden, über dem Kanal steht der Mond, fast voll. Die Anekdote stammt von Herman van Veen, dem Liedermacher: Kurz, bevor mein Vater starb, sagte ich zu ihm "Pa, der Mond sieht wunderbar aus heute Nacht." Er antwortete: "Ja, er sieht fantastisch aus, aber du hättest ihn vor dem Krieg sehen müssen."

Brüssel - Terror als Waffe gegen die offene Gesellschaft Der Sozialwissenschaftler Gerald Knaus vom Thinktank Europäische Stabilitätsinitiative (ESI) hält die Radikalisierung des Westens für eines der wichtigsten Ziele der IS-Terroristen. Auch mit Blick auf die Flüchtlingskrise.