Polizisten am Ort der Festnahme im Brüsseler Stadtteil Schaerbeek © Laurie Dieffembacq/AFP/Getty Images

Karfreitag, der 25. März 2016, am frühen Nachmittag: Im Brüsseler Stadtteil Schaerbeek schaut Claude Moniquet, Leiter des Europäischen Zentrums für Sicherheit und Strategische Geheimdienstinformation, mit einem Auge aus dem Fenster, mit dem anderen auf sein Fernsehgerät. Der britische Nachrichtensender BBC überträgt live, was sich just in diesem Augenblick, nur einen Steinwurf entfernt, am Place Meiser zuträgt.

Sirenen heulen, Polizeiautos rasen kreuz und quer, auf der Brücke über dem Autobahntunnel gehen schwerbewaffnete Soldaten in Stellung. "Da hinten hat es vor ein paar Minuten geknallt, irgendetwas muss explodiert sein", sagt Moniquet mit einer Seelenruhe, als sei es Silvester und nicht Tag drei der fieberhaften Suche nach weiteren Terrorverdächtigen.

Am Dienstag erst haben zwei verheerende Anschläge der islamistischen Terrormiliz "Islamischer Staat" die belgische Hauptstadt erschüttert, mindestens 31 Menschen kamen ums Leben, mehr als 270 wurden verletzt. Am Donnerstag wurde in der französischen Stadt Argenteuil ein mutmaßlicher Terrorist verhaftet und offenbar ein bevorstehendes Attentat verhindert. Auch von dort führt die Spur wieder nach Belgien.

Festnahme mit kurzer Geiselnahme

Doch auf der Avenue Rogier herrscht nicht die geringste Spur von Angst und Panik. Wären da nicht die vielen Polizisten, Dutzende von Fernsehteams und Glassplitter auf dem Gehsteig, man würde nicht ahnen, dass sich hier vor einer guten Stunde Dramatisches ereignet hat.

Stattdessen hat der Alltag den Place Meiser sofort wieder fest im Griff. Im Friseursalon wird zwei Damen die Dauerwelle gelegt, gelangweilt blättern sie in einer Illustrierten. Kinder tollen von der Schule heim – Karfreitag ist in Belgien kein Feiertag. In der Eckkneipe Loulou klopft eine Handvoll Männer Karten. An der Haltestelle, wo eben noch geschossen wurde und das Glas zerplatzte, stehen ein Dutzend Menschen geduldig an und warten auf die Straßenbahn der Linie 25. Achtlos stapfen Kameraleute durch die herumliegenden Splitter, als sei das hier kein Tatort und das Glas kein Beweismaterial. Die Polizisten scheint dies nicht zu kümmern.

"On ne peut rien faire", sagt Lydia Lanzone und zuckt mit den Schultern, man könne leider nichts machen und nichts daran ändern. Die Leute drumherum nicken stoisch. Keine Spur von Hysterie und Angst. Dabei kann die Dame um die 60 von Glück reden, dass ihr nichts passiert ist. Denn sie hat erschreckend nah erlebt, was die stets gut informierte Tageszeitung Le Soir später im Detail so beschreibt:

Brüssel - Polizei nimmt Verdächtigen in Schaerbeek fest Im Brüsseler Stadtteil Schaerbeek haben Polizisten mehrere Gegenstände kontrolliert gesprengt. Augenzeugen berichteten von drei Explosionen.

Kurz vor zwei Uhr mittags stellten Polizisten in Zivil einen Terrorverdächtigen an der Haltestelle auf der Avenue Rogier. Den Rucksack geschultert, wartete er auf die Straßenbahn. Als er seine Verfolger bemerkte, so wird berichtet, habe er eine Frau und ihr Kind als Geisel genommen, das Kind aber wieder laufen lassen. Schüsse seien gefallen, die Polizei habe scheinbar sein Bein getroffen, der Verdächtige sei gestürzt und reglos liegen geblieben.

Eine Videoaufnahme auf der Website von Le Soir zeigt, wie sich ihm ein fahrbarer Roboter nähert, wohl um sicherzugehen, dass im Rucksack keine Bombe steckt. Der Roboter entfernt sich wieder, zivile Polizisten kommen und ziehen den Mann an den Armen zu ihrem Fahrzeug.

Eine eigenartige Mischung – eine gefährliche Mischung

Dramatische Szenen auch in anderen Stadtteilen von Brüssel. Die Polizei hat an diesem Tag noch zwei weitere Terrorverdächtige festgenommen. Es heißt, auch einem von ihnen sei ins Bein geschossen worden. Zur gleichen Zeit müssen sich im Parlament der Justiz- und der Innenminister für die vielen Fahndungspannen verantworten. Sie gestehen schwere Fehler ein.

On ne peut rien faire – das sagen in diesen Tagen viele Belgier. Doch ist dies mitnichten eine Kapitulationserklärung, kein Ausdruck von Verzagtheit und Resignation. Sondern eine eigenartige Mischung aus Besonnenheit und Gleichmut. Die belgische Gelassenheit ist durchaus bewundernswert. Einerseits. Doch im Lichte der vielen Sicherheitslücken fragt man sich, ob diese Gelassenheit nicht allzu oft in gefährliche Nachlässigkeit umschlägt.