Die Türkei geht unbestritten durch schmerzhafte Zeiten. Und sie werden wohl anhalten, wie die jüngsten Entwicklungen zeigen. Das vergangene Jahr war durchsetzt von politischer und militärischer Gewalt. Seit Monaten liefern sich im Südosten die verbotene Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) und das türkische Militär so heftige Kämpfe wie seit den 1990er Jahren nicht mehr.

Auch im vergangenen Jahr, zwischen den beiden Parlamentswahlen im Juni und November, gab es Angriffe auf Parteien und ihre Büros, auf Journalisten, meist verbal, das ist schon Normalität für die Kollegen dort. In wenigen Fällen waren die Angriffe tätlich, wie der auf den bekannten Moderator und Hürriyet-Kolumnisten Ahmet Hakan. Die AKP-Regierung von Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan sah sich nicht imstande, die Welle dieser Gewalt mit kluger, ruhiger Politik zu einem Ende zu bringen. Nun müsse man sich "wohl eine gewisse Zeit an Terroranschläge gewöhnen", wie Abdülkadir Selvi, ein regierungsnaher Journalist, sagte.

Dafür gab es viel Kritik. Der Mann könnte aber recht haben, denn das Land kommt nicht zur Ruhe. Innerhalb von fünf Monaten wurde allein die Hauptstadt Ankara von drei Terroranschlägen heimgesucht: Zunächst war da der Selbstmordanschlag am 10. Oktober 2015 auf eine Friedensdemonstration linker und kurdischer Organisationen, laut Behörden begangen von einem Anhänger des sogenannten "Islamischen Staates". Dann sprengte sich am 17. Februar ein kurdischer Extremist in der Nähe eines Konvois von Militärbussen in die Luft – und nun, am 13. März, wieder mitten in der Hauptstadt, riss eine Attentäterin erneut Dutzende mit in den Tod. Zu den beiden letzteren Anschlägen haben sich die Freiheitsfalken Kurdistans (TAK) bekannt, die als radikalere Splittergruppe der PKK gelten. Viel weiß man über diese Organisation nicht, Beobachter vermuten, dass die PKK sie vor zehn Jahren selbst für Anschläge in Städten im Westen der Türkei gegründet hat – während sie sich selbst in den Bergen im Südosten des Landes Kämpfe mit dem Militär lieferte. Es ist nicht bekannt, wie unabhängig die TAK von der PKK handelt.

Die niederländische Journalistin Frederike Geerdink hat bei einem Sprecher der PKK im Hauptquartier in den nordirakischen Kandil-Bergen nachgefragt. Man habe keine Information über die Gruppe, sagte dieser – aber sie hätte "mit Erdoğan in der Sprache gesprochen, die er versteht". Kurz darauf ließ der amtierende PKK-Chef Cemil Bayık verlauten, dass die TAK-Anschläge eine "Vergeltung für die Massaker in Kurdistan" gewesen sein könnten. Damit spielte er auf die Zivilisten an, die während der Kämpfe in Städten wie Diyarbakır, Cizre oder Silopi getötet worden sind. Jetzt sollen anscheinend auch die Menschen im Westen merken, was Krieg bedeutet.

"Könnten gewesen sein": Die Formulierung ist sicher kein Zufall. Schwer vorstellbar ist, dass die PKK, die neben sich keine andere Organisation duldet, keine Kontrolle über die TAK haben will. Außer Zweifel steht indes, dass die TAK bewusst Zivilisten töten will.

Die schmerzhaften Zeiten sollen wohl auch nach dem Willen der PKK weitergehen. Zwei Tage nach dem letzten Attentat in Ankara meldete sich ihr Anführer Bayık in einem Interview mit der Times zu Wort. Darin kündigte er an, dass seine Organisation den Krieg ausweiten wolle. Hauptziel sei es, Staatspräsident Erdoğan und seine AKP zu Fall zu bringen. "Wenn Erdoğan uns besiegen kann, kann er jeden besiegen, der Demokratie will", wird der PKK-Führer zitiert. Die Türkei könne "mit ihnen" nicht demokratisch werden. "Unser Volk will Rache, es will, dass die Guerilla Vergeltung für sie übt."

Will "sein Volk" wirklich Rache?

Das sind beunruhigende Worte. Der Inhalt muss stark bezweifelt werden. Zum einen die Sache mit der Demokratie in der Türkei – sie dürfte die PKK herzlich wenig interessieren. Es gibt bereits eine demokratisch gewählte Vertretung der türkischen Kurden im Parlament: Die HDP. Diese erste durch Wahlen legitimierte Vertretung der Kurden wird derzeit  zwischen der PKK, die den Vorsitzenden der Partei, Selahattin Demirtaş, bisweilen wie einen kleinen Schuljungen aussehen lässt, und der Regierungspartei AKP aufgerieben. Hinzu kommen eigene politische Instinktlosigkeiten wie etwa die einer Abgeordneten, die die Trauerfeier des Attentäters von Ankara besucht hat. Die Partei kann oder will derzeit keine klare Distanz zur Guerillatruppe.

Zum anderen ist da die Sache mit der Rache. Immer wenn irgendwo auf der Welt, besonders in noch nicht entwickelten Demokratien, politische, militärische oder paramilitärische Führer vermeintlich wissen, was "das Volk" will, ist Vorsicht geboten. Jemand wie Cemil Bayık, der als Staatsfeind Nummer eins seit Jahrzehnten nicht in die Türkei einreisen kann, will wissen, was das Volk will? Man muss konstatieren: Auch viele Kurden sind "natürliche" Wähler der AKP, bei der letzten Wahl haben sie die HDP in vielen Wahlbezirken im Südosten abgestraft.

Sicher, es gibt auch Sympathien für die PKK – keine Guerilla-Organisation kann ohne die Unterstützung der Bevölkerung so lange überleben. Doch will "ein Volk" Rache, das seit Jahrzehnten unter einem Krieg leidet? Das seit einigen Jahren, in denen Waffenruhe zwischen dem türkischen Staat und der PKK herrschte, erfahren hatte, was Frieden bedeuten kann? Das begann, endlich ein wenig Wohlstand kennenzulernen? Ein Volk, dessen junge Generation verloren, wütend und orientierungslos ist?

Es kann bezweifelt werden, ob "das Volk" Rache will. Ganz sicher aber will es Ruhe.