Der "Islamische Staat" verfügt über Chemiewaffen. Man mag sich das nicht gern vorstellen. Denn Terroristen, die ihren Opfern die Köpfe abschneiden, sie bei lebendigem Leibe verbrennen und reihenweise erschießen – was sollte sie zögern lassen, Giftgas auch tatsächlich einzusetzen? Gewiss nicht die UN-Chemiewaffenkonvention, die einen solchen Einsatz als Kriegsverbrechen brandmarkt und verbietet.

Die New York Times meldete dieser Tage, ein Spezialkommando der US-Streitkräfte habe vor einem Monat einen irakischen Experten für chemische und biologische Waffen gefangen genommen, der einst für Saddam Husseins Militär gearbeitet und sich dann dem IS angeschlossen habe. Bei Vernehmungen soll er detailliert geschildert haben, wie der IS Granaten mit Senfgas füllt. 

Chemische Waffen in den Händen des IS – das könnte "das Spiel ändern", sagte US-Geheimdienstkoordinator James Clapper Mitte Februar auf der Münchner Sicherheitskonferenz. Washingtons Topspion kann sich "alle möglichen Schreckensszenarien" vorstellen, auch dass der IS sein Giftgas gegen den Westen einsetzen könnte. "Ein möglicherweise sehr gefährlicher Trend."

Dies sind, wie James Clapper sagt, Schreckensszenarien. Aber im Nordirak und in Syrien ist dieser Schrecken bereits Wirklichkeit geworden. Mehrmals hat der IS in seinem Kerngebiet Chemiewaffen eingesetzt. Im August 2015 wurde über den Einsatz von Senfgas gegen kurdische Peschmerga im Norden des Irak berichtet. Im selben Monat schlugen bei Gefechten nahe der syrischen Stadt Marea mit Giftgas gefüllte Artilleriegeschosse ein. Rund 30 Zivilisten wurden mit Erstickungssymptomen, Blasen auf der Haut und verätzten Augen in Krankenhäuser eingeliefert. Auch für diesen Angriff wird der IS verantwortlich gemacht.

Der IS produziert das Giftgas selbst

Nordirak? Peschmerga? Richtig, da ist seit Januar 2015 die Bundeswehr im Einsatz und unterstützt die kurdischen Milizen in ihrem Kampf gegen den IS. Die Berichte über den Einsatz von Giftgas beunruhigen das Verteidigungsministerium in Berlin schon seit Längerem. Deshalb haben sich deutsche Sicherheitsbehörden, unabhängig von den US-Amerikanern, ein Bild von den Gefahren gemacht. Sie sind zu dem Schluss gekommen, dass der IS über kleinere Mengen an Chlorgas und Senfgas verfügt.

Aber woher hat der IS das relativ leicht herzustellende Chlorgas und das schwieriger zu produzierende, gefährlichere Senfgas? Beides könnte aus Lagern der irakischen Streitkräfte stammen. Bekannt ist, dass Saddam Hussein über große Bestände an chemischen Waffen verfügte. Im Kampf gegen die Kurden hat er es mit massenmörderischer Brutalität eingesetzt. Allein beim Angriff auf die Stadt Halabdscha starben am 16. März 1988 bis zu 5.000 Menschen.

Untersuchungen von Proben, die an Ort und Stelle genommen wurden, haben jedoch ergeben, dass die im vergangenen Jahr eingesetzten Kampfstoffe chemisch anders zusammengesetzt sind als Saddams Giftgas. Das bedeutet: Der IS ist in der Lage, Chlorgas und Senfgas selbst zu produzieren. Aber wie? Und wo?

Eine plausible Version von Beobachtern der Verhältnisse im Nordirak geht so: Dreh- und Angelpunkt der Chemiewaffenforschung des IS sei die Universität Mossul, die mit ihren Wissenschaftlern und Laboren dem IS in die Hände fiel, als er die zweitgrößte Stadt des Irak im Juni 2014 überrannte. Die Universität sei gut ausgestattet. Und der IS sei ja nicht zimperlich. Wenn ein Wissenschaftler nicht kooperiere, dann halte man ihm die Pistole an den Kopf und sage: Du macht das jetzt für uns, oder du machst gar nichts mehr! Allerdings, Beweise für eine Herstellung chemischer Kampfstoffe durch den IS an der Universität Mossul gibt es nicht.

Wo auch immer der IS sein Giftgas produziert – die Gefahr, die davon ausgeht, ist für die Bundeswehr Grund genug, kurdische Einheiten bei der Identifikation chemischer Kampfstoffe und beim Schutz gegen sie zu schulen. Sowohl der irakischen Zentralregierung als auch der kurdischen Regionalregierung hat die Bundeswehr jeweils 3.000 ABC-Schutzmasken und Filter sowie 3.000 ABC-Schutzanzüge und 40 Kampfstoffmessgeräte geliefert. In Erbil und in Deutschland finden seit 2015 Ausbildungen im ABC-Schutz statt.

ABC-Abwehrspezialisten im Irak

Wie ein Sprecher des Bundesverteidigungsministeriums mitteilt, sind seit Februar 2016 zwei ABC-Abwehrspezialisten fester Bestandteil des deutschen Kontingents im Norden des Irak. "Im Januar 2016 wurden 22 Peschmerga und 9 Iraker an der ABC-Abwehrschule in Sonthofen in den Grundlagen der ABC-Abwehr ausgebildet. (…) Die nächste Ausbildung in Deutschland ist für April 2016 vorgesehen."

Selten sind bei einem Bundeswehreinsatz sinnvollere Schutzmaßnahmen getroffen worden. Sollte sich der IS jedoch, von der Internationalen Anti-IS-Miliz in die Enge getrieben, entschließen, Chemiewaffen in größerem Stil einzusetzen, reichte diese Hilfe natürlich nicht aus.

Und Vorkehrungen gegen jene Schreckensszenarien, die Geheimdienstkoordinator James Clapper heraufziehen sieht? Die müssen die westlichen Regierungen mit aller Umsicht in ihren eigenen Ländern treffen. Ihnen bleibt gar nichts anderes übrig, als sich sehr konkret vorzustellen, was das heißt: Giftgas in den Händen des "Islamischen Staats".