Es war ein Paukenschlag: Ausgerechnet bei der perfekt in Szene gesetzten Militärparade zum 70. Jahrestag des Weltkriegsendes kündigte Partei- und Staatschef Xi Jinping im vergangenen September an, die Truppenstärke der Volksbefreiungsarmee (VBA) um 300.000 Soldaten zu reduzieren. Doch dies war nur der Auftakt für ein tiefgreifendes Reformprogramm, dem er das chinesische Militär unterzieht, um es fit zu machen für die Anforderungen des 21. Jahrhunderts.

Angesichts Chinas wachsendem außenpolitischen Selbstbewusstsein und der internationalen Veränderungen erscheint dies unausweichlich. Amerikas Hinwendung zur Pazifikregion, die eskalierenden territorialen Streitigkeiten im Süd- und Ostchinesischen Meer, die Instabilität auf der koreanischen Halbinsel und nicht zuletzt die Unabhängigkeitsbestrebungen Taiwans lassen ein militärisches Eingreifen Pekings durchaus realistisch erscheinen.

Die größte Armee der Welt wurde in den 66 Jahren seit der Gründung der Volksrepublik China mehrfach reformiert. Diese Reformen beschränkten sich jedoch auf den Abbau der Truppenstärke, Antikorruptionskampagnen oder die Beschränkung ausufernder Wirtschaftsaktivitäten der Armee. Strukturelle Defizite aber ignorierten Xis Vorgänger und versuchten stattdessen, sich die Loyalität der Generäle mit stetig wachsenden Rüstungsausgaben zu sichern. Der Nationale Volkskongress hat gerade eine Steigerung des Verteidigungsetats um gut sieben Prozent gegenüber dem Vorjahr bekannt gegeben. Das ist zwar der geringste Anstieg seit Jahren, jedoch sind im Militärbudget auch nicht alle Kosten vereint. So werden die extrem kostspieligen Sozialprogramme für entlassene Soldaten, Offiziere und deren Familien in den Haushalten anderer Ministerien versteckt.

Vereinigter Generalstab nach US-Vorbild

Die regelmäßigen Budgeterhöhungen ermöglichten es den Befehlshabern, die Streitkräfte mit den neuesten Waffen auszurüsten. Doch Waffensysteme allein sind kein Garant für die zentrale Voraussetzung moderner Kriegsführung: Die Fähigkeit der Teilstreitkräfte, bestehend aus Heer, Luftwaffe und Marine, gemeinsame Operationen zu unternehmen.

Das, was die Amerikaner als Jointness bezeichnen, ist in der DNA der VBA nicht kodiert. Und solange sie diesen Entwicklungssprung nicht nachholt, wird sie eine Streitkraft des 20. Jahrhunderts bleiben. Vor diesem Hintergrund hat Xi, der zugleich Vorsitzender der mächtigen Zentralen Militärkommission ist, die Reform zur Chefsache erklärt. Er hat nichts Geringeres vor als den Totalumbau der VBA innerhalb von fünf Jahren. Bis 2020 soll die Transformation der Truppe abgeschlossen sein. Dafür will er zwei folgenschwere Reformpakete umsetzen: die Gleichstellung der Teilstreitkräfte und die Einführung eines Vereinigten Generalstabes, der Heer, Luftwaffe und Marine führt.

Bislang war die VBA um das Heer herum aufgebaut. Zwei Drittel der 2,3 Millionen Soldaten gehören den Landstreitkräften an. Diese Sonderstellung des Heeres ist historisch begründet: Chinas Staatsgründer Mao Zedong hatte die VBA (oder die Rote Armee, wie sie damals noch hieß) während der kommunistischen Revolution als militärischen Arm der Partei gegründet. 

Maos Überzeug war: "Die politische Macht kommt aus den Gewehrläufen." Die größten militärischen Auseinandersetzungen, in die China seit 1949 verwickelt war, stützten sich auf das Heer: der Korea-Krieg (1950–53) und der Chinesische-Vietnamesische Krieg (1979). Chinas Partei- und Staatschef Xi geht zu Recht davon aus, dass zukünftige Kriege nicht mehr von Heerestruppen entschieden werden.

Um die Luftwaffe und die Marine aufzuwerten, muss Xi daher alte Strukturen zerschlagen und das Heer in seiner Bedeutung herabstufen: Seit Januar dieses Jahres ist es nicht länger Primus inter Pares – sondern hat wie Luftwaffe und Marine ein Hauptquartier und steht hierarchisch auf derselben Ebene wie die anderen Teilstreitkräfte. Dies ist die erste Voraussetzung für Jointness.