Donald Trump während einer Wahlkampfveranstaltung in Ohio © Brendan Smialowski/AFP/Getty Images

In den vergangenen Tagen wird in den USA leidenschaftlich ein 52 Jahre altes Video auf Social-Media-Plattformen herumgereicht, ein Video, das eine beinahe schon unheimliche Aktualität besitzt. Der damalige TV-Spot wurde von der demokratischen Partei produziert, um die Dringlichkeit der anstehenden Präsidentschaftswahl deutlich zu machen. Darin ist ein republikanischer Wähler zu sehen, der sich Sorgen um sein Land macht, weil der Kandidat seiner Partei so radikal und so extrem ist, dass er sich überlege, für die Demokraten zu stimmen. "Dieser Mann", sagt der Republikaner, "jagt mir Angst ein."

Der Mann in dem Clip ärgert sich offen, dass er nicht rechtzeitig etwas unternommen habe, um Barry Goldwater zu stoppen, dass der Senator aus Arizona es geschafft hat, sich die Nominierung zum Spitzenkandidaten der Republikaner zu sichern. Die Parallelen zur heutigen Lage liegen auf der Hand: Nach den Vorwahlen in Florida, Ohio, North Carolina, Missouri und Illinois ist Donald Trump die Nominierung seiner Partei praktisch nicht mehr zu nehmen – zum Entsetzen vieler seiner Parteigenossen.

Triumph der harten Rechten

Die Vergleiche zum Wahlkampf von 1964 mehren sich in den vergangenen Wochen. Je wahrscheinlicher eine Nominierung von Trump wird, desto offenkundiger werden historisch bewanderten Beobachtern die Parallelen zur Kampagne von Goldwater gegen den weiland amtierenden Präsidenten Lyndon B. Johnson. So erschien etwa bereits Mitte Februar im New York Review of Books ein langer Aufsatz mit dem Titel The Triumph of the Hard Right – "Der Triumph der harten Rechten – von Goldwater bis zur Partei und darüber hinaus". Die These des Stücks ist, dass der Verrohung der republikanischen Rechten und dem Trump-Phänomen nicht erst durch die Tea-Party-Bewegung der Boden bereitet worden sei. Wer Trump – und seine ähnlich bedenklichen republikanischen Rivalen – verstehen will, so der Autor Garry Wills, müsse wesentlich weiter zurückschauen.

Goldwater hatte während seines Wahlkampfes ein Buch mit dem Titel The Conscience of a Conservative – "Das Gewissen eines Konservativen" – veröffentlicht, ein Text, den damals der konservative Kommentator Pat Buchanan als "Neues Testament" der Konservativen bezeichnete und den Wills als "Programm für die Tea Party" beschreibt. Goldwater forderte darin die Abschaffung der Sozialhilfe und anderer nationaler Wohlfahrtsprogramme, er wetterte gegen die UN und bezeichnete die Entscheidung des Obersten Gerichtshofs zur Gleichstellung der Rassen im Bildungswesen als verfassungswidrig.

Rechts des Establishments

In den Augen des republikanischen Establishments machte das Buch Goldwater unwählbar, er war ein ähnlicher Schockkandidat wie heute Trump. Doch wie Trump traf er in der konservativen Basis des Landes einen Nerv und gewann einen Vorwahlstaat nach dem anderen. Dem politischen Genie Goldwaters war es zu verdanken, dass er überhaupt jene Wählerschaft rechts des Partei-Establishments entdeckte, die heute bei den Republikanern die Macht an sich genommen hat. Goldwater mobilisierte all jene, die sich im Amerika von John F. Kennedy, in dem die Bürgerrechtsbewegung und der Vietnam-Protest immer mehr an Fahrt aufnahmen, marginalisiert fühlten.

Diese Wähler, wie heute vornehmlich in den Südstaaten konzentriert, fühlten sich von der Partei im Stich gelassen. Der letzte republikanische Präsident, Dwight D. Eisenhower, hatte sich zum New Deal der 1930er und 1940er Jahre bekannt und somit eine sozialstaatliche Verfasstheit Amerikas akzeptiert. Und die Republikaner in Washington unterstützten, wenn auch zögerlich, Bürgerrechtsreformen.