Scheinheiliger geht es kaum: Seit gestern sieht es so aus, als würde Donald Trump republikanischer Präsidentschaftskandidat. Die Parteigänger der Grand Old Party bescheren ihm in den Vorwahlen einen Sieg nach dem anderen. Doch während das Unvorstellbare allmählich vorstellbar wird, tut die Parteiführung so, als habe sie Trumps Erfolg völlig überrascht und trage sie daran nicht das geringste Quäntchen Schuld. Als sei Trump ein "Alien", ein Außerirdischer, der plötzlich in Amerika gelandet ist, um erst die Republikanische Partei und dann das Weiße Haus zu kapern.

Auf einmal geben sich etliche Parteiobere entsetzt und verstehen partout nicht, dass einer wie Trump, der seine Gegner mit Hass überzieht und fürs politische Geschäft nur Verachtung übrighat, derart viele Republikaner in seinen Bann zieht. Doch Donald Trump kommt nicht vom Mars, er ist das zwangsläufige Produkt einer extrem radikalisierten und verrohten Republikanischen Partei.

Diese Verrohung begann schon viele Jahre vor der Wahl Barack Obamas, aber sie beschleunigte sich mit dessen Sieg noch einmal dramatisch. Kaum war der erste schwarze Präsident ins Amt eingeführt, verkündeten die Republikaner, ihn so schnell wie möglich wieder aus dem Oval Office vertreiben zu wollen. Fast jedes Mittel, jede Verunglimpfung war ihnen recht.

Es waren zuerst die Republikaner

Das Establishment ließ es zu, dass die ultrarechte Tea-Party-Bewegung die Republikaner in Geiselhaft nehmen konnte. Dass der Streit um Obamas Gesundheitsreform und um den Staatshaushalt zu einem erbitterten Kulturkampf wurde. Dass namhafte Republikaner Obama einen Muslim nannten, und dass einer wie Donald Trump behauptete, der schwarze Präsident sei nicht in den Vereinigten Staaten geboren worden und sowieso kein wahrer Amerikaner.

Natürlich haben auch Obama und seine Demokraten ein gerüttelt Maß Schuld an der politischen Spaltung. Statt neue Brücken zu bauen, haben sie die letzten eingerissen. Doch es waren zuerst die Republikaner, die den politischen Krieg erklärten, die aufstachelten und sich fast jedem Kompromiss verweigerten. Das jüngste Beispiel: Nachdem kürzlich ein konservatives Mitglied des Obersten Gerichts verstorben ist, wollen sie nun mit ihrer Senatsmehrheit jeden Kandidaten blockieren, den Obama zu berufen gedenkt.

Gemäßigte Republikaner, die sich der Ideologisierung ihrer Partei widersetzen, werden ausgegrenzt und verächtlich gemacht. Einige haben aus Frust das Handtuch geschmissen, so zum Beispiel der ehemalige Mehrheitsführer und Sprecher des Repräsentantenhauses, John Boehner.

Amerikanische und deutsche Wahlkämpfe lassen sich nicht vergleichen. Auf der anderen Seite des Atlantiks wurde schon immer mit härteren Bandagen gekämpft; es wird niemand verschont. Doch dass die republikanischen Präsidentschaftskandidaten derzeit wie Hyänen übereinander herfallen, dass sie einander als Lügner bezeichnen, als Schwächlinge, die sich vor Angst in die Hose machen – diese brutale gegenseitige Verachtung ist neu, aber zugleich wenig verwunderlich. Denn eine Partei, die Hass sät, erntet Hass.