Im Clinch: Ein Unterstützer von Donald Trump (rechts) schreit einen Trump-Gegner an, nachdem der Bewerber um die republikanische Präsidentschaftskandidatur einen Auftritt in Chicago abgesagt hatte. © Kamil Krzaczynski/Reuters

Dass Donald Trump eine Kundgebung auf dem Campus der University of Illinois at Chicago (UIC) abhalten wollte, hatte womöglich schlichte organisatorische oder logistische Gründe. Aber vielleicht war es auch Kalkül, um zu provozieren. Die Studenten der UIC sind zu einem großen Teil Hispanics und Afroamerikaner; Trump muss an diesem Ort mit einer Reaktion auf seinen polarisierenden Wahlkampf gerechnet haben.

Schon Stunden vor seinem geplanten Auftritt im UIC-Pavillon hatten sich Demonstranten hinter den Polizeiabsperrungen auf der gegenüberliegenden Straßenseite versammelt. Ihre Anwesenheit alleine wäre nicht weiter erwähnenswert – auch auf den Wahlkampfveranstaltungen von Hillary Clinton gibt es regelmäßig Proteste wegen ihrer Nähe zur Finanzelite der Wall Street. Doch auf Trumps Kundgebungen ist es anders. Mit seinen schrillen Sprüchen setzt er einen respektlosen Ton und seine Aggressivität überträgt sich auf sein Publikum.

Nur so lässt sich erklären, dass ein Straßenhändler am Freitagnachmittag in Chicago den Leuten, die auf Trump warteten, T-Shirts mit der Aufschrift "Hillary sucks, but not like Monica" anbot, zum stolzen Preis von 20 Dollar. Solche Geschmacklosigkeiten passen ja zu Trump mit seiner schrägen Frisur, seinem übertrieben gebräunten Teint und seinen Debattenbeiträgen unterhalb jeder noch so tiefen Gürtellinie. Dass der politische Gegner und die Medien ihm Sätze durchgehen lassen wie "Ich könnte die Fifth Avenue herunterspazieren und jemanden erschießen, ich würde keine Wähler verlieren", stachelt seine Anhänger noch an.

Der Milliardär lässt es sich nicht nehmen, auf seinen Kundgebungen immer und immer wieder die niederen Instinkte seiner Fans zu bedienen. Zu Beginn seiner Kampagne mochte das noch amüsant sein. Doch inzwischen wird Trumps Wahlkampf immer grotesker – und wenn Anhänger oder Gegner sich nicht mehr anders zu helfen wissen, kommt es eben zu Handgreiflichkeiten, so wie am Freitag in Chicago. Auch Trump selbst heizt mit seinen Worten die Konflikte an. "Ich würde ihm gern eine zimmern", sagte er vor einem Monat in Las Vegas, während das Sicherheitspersonal einen Ruhestörer aus dem Saal brachte.

Trump: "Da ist Wut im Land"

In Chicago waren es mehrheitlich Bernie-Sanders-Fans, die ihn bremsen wollten. Noch bevor Trump überhaupt die Bühne betreten hatte, skandierten Studenten im Publikum Parolen gegen ihn und für Sanders. Es kam zu Rangeleien und vereinzelten Handgreiflichkeiten; irgendwann war die Atmosphäre so aufgeheizt, dass die Polizei im Saal nicht mehr tatenlos zusehen konnte. Trumps Auftritt wurde abgesagt.

Danach gab der republikanische Bewerber um die Präsidentschaftskandidatur das Unschuldslamm. "Da ist Wut im Land", sagte er in einem Telefoninterview des Senders MSNBC. "Ich denke nicht, dass sich das gegen mich richtet. Das ist einfach etwas, das seit Jahren so läuft." Allerdings ist es nicht der erste gewaltsame Zwischenfall bei einer Wahlkampfveranstaltung Trumps. Er ist der einzige Kandidat, der seine Fans vor Auftritten per Ansage vom Band bitten muss, etwaigen Protestlern – die fast immer kommen – nicht mit Gewalt zu begegnen.

Sein Konkurrent Marco Rubio distanzierte sich noch am Abend. "Auf meinen Veranstaltungen sieht man keine Gewaltausbrüche", erklärte er. "Bei Ted Cruz auch nicht, bei John Kasich nicht, bei Hillary Clinton und Bernie Sanders ebenfalls nicht. Ich glaube nicht, dass Donald Trump verantwortlich dafür ist, was heute Abend passiert ist, es schien ein organisierter Protest von ein paar Ruhestörern gewesen zu sein. Aber er ist verantwortlich für den Ton seiner Kampagne."

"Was Trump sagt, ist vernünftig"

Trumps politischen Gegnern gibt der Vorfall Futter für den Wahlkampf, frei nach dem Motto: Der Mann spuckt Gift und Galle und hat seine Leute nicht im Griff. "Ich bin hier allein hingekommen, ganz früh, um in der ersten Reihe zu stehen und Mr. Trump meine Meinung zu sagen", erzählt Julio Diaz, Sohn mexikanischer Eltern. Er hält ein Schild in der Hand, auf dem "Wir sind keine Vergewaltiger" geschrieben steht. Ein Vorwurf, den Trump illegal eingewanderten Mexikanern in den USA vor Monaten in einer Rede machte. "Trump bedient sich all dieser Klischees, die in unserer immer noch sehr rassistischen Gesellschaft verankert sind. Seine Wähler glauben ihm das, leider", sagt Diaz.

Die Anhänger Trumps hingegen fühlen sich durch die Proteste in ihren Ansichten bestätigt. Zum Beispiel Eric Peterson, ein Immobilienmakler aus Chicago, der am Freitag zur UIC kam, um seinen Favoriten anzufeuern. "Das war eine typische Aktion dieser Linken", sagt Peterson. "Die können keine anderen Meinungen akzeptieren, die irgendwie von ihrer eigenen abweicht." Ob er nicht finde, dass Trump durch seine Rhetorik dazu beiträgt, dass es auf seinen Kundgebungen immer wieder zu Auseinandersetzungen kommt? "Wieso denn? Was Donald Trump sagt, ist vernünftig und sehr ehrlich." Es sieht ganz danach aus, als werde der Wahlkampf in den USA die Leute weiter polarisieren.