In der russischen Kleinstadt Donezk geht ein Prozess zu Ende, den man absurd nennen könnte, ginge es nicht um ein Menschenleben. Nadija Sawtschenko, Leutnant der ukrainischen Armee, Freiwillige des Bataillons Ajdar und Abgeordnete des ukrainischen Parlaments, wird beschuldigt, für den Tod zweier russischer Journalisten mitverantwortlich zu sein sowie die Grenze zu Russland illegal übertreten zu haben. Mitte Juni 2014 sei sie laut ihren Anwälten entführt und dann nach Russland verschleppt worden, wo ihr seitdem der Prozess gemacht wird. Am Mittwoch hat Sawtschenko ihr Schlusswort gehalten, am 21. und 22. März soll das Urteil verkündet werden. Ihr drohen mehr als 20 Jahre Haft. Sawtschenko, das sagt sie, das sagen ihre Anwälte, trinkt und isst seit einigen Tagen nicht mehr (Am Donnerstagnachmittag teilten ihre Anwälte mit, dass sie zumindest wieder Wasser zu sich nimmt d.Red.). Es gehe ihr nicht gut, meint der Anwalt Mark Fejgin. Er will sie davon überzeugen, den Hungerstreik abzubrechen. Selbst ein junger Mensch, so heißt es gemeinhin, kann nur wenige Tage ohne Flüssigkeit überleben.

Mehr als 9.000 Zivilisten sind in dem Krieg in der Ostukraine gestorben. Es gab massenhafte Entführungen, es gab Exekutionen bei den Separatisten, es gab Kriegsverbrechen, begangen von den Separatisten und den ukrainischen Freiwilligenbataillonen Asow und Ajdar, Letzterem gehörte Sawtschenko an. Noch immer gibt es massenhaft Verschleppungen und Folterungen von Zivilisten in den selbst ernannten Volksrepubliken, ebenso wie es Fälle von Folter auf der ukrainischen Seite gibt – die Verbrechen hat der russische Journalist Pawel Kanygin kürzlich eindrucksvoll geschildert.

Die Missachtung aller internationaler Normen und die Gesetzlosigkeit, die in diesem Krieg Zivilisten erdulden müssen, sind erschütternd. Aber der Prozess gegen Nadija Sawtschenko hatte nie zum Ziel, Unrecht oder Schuldfragen zu klären. Er dient dazu, an der Ukrainerin ein Exempel zu statuieren. Vorführen. Abrechnen. Oder, im besten Falle, den Preis hochtreiben für einen Gefangenenaustausch.

Selbst wer nicht von Sawtschenkos Unschuld überzeugt ist, wer Zweifel an ihrer Rolle in dem Bataillon Ajdar hat, wer ihren Darstellungen nicht glauben will, dass sie noch vor dem Beschuss der Journalisten entführt worden war, kann nicht ernsthaft annehmen, dass dieser Prozess Gerechtigkeit oder die Wahrheit ans Licht bringen könnte. Ein Provinzgericht in Russland, dem Land, das sich in einem unerklärten Krieg mit der Ukraine befindet, soll gegenüber einer Ukrainerin, die nach eigenen Worten entführt und nach Russland verschleppt worden ist (welche Pointe, dass sie auch des illegalen Grenzübertrittes angeklagt ist), Recht sprechen. Wer jetzt noch Zweifel hat an der politisierten Justiz: In eben diesem Land kann ein Geheimdienstler wie Igor Girkin, nachweislich beteiligt an der militärischen Operation gegen Kiew und nach eigenen Aussagen verantwortlich für Exekutionen in der Ostukraine, mitten in Moskau ungestört seinem Tagewerk nachgehen.

Nadija Sawtschenko, die in der Ukraine zum Symbol für Unbeugsamkeit stilisiert wurde, soll büßen –  und dass es die russische Justiz ernst meint, daran hat das Urteil gegen den ukrainischen Regisseur Oleh Senzow keinen Zweifel gelassen. Senzow wurde in seiner Heimat, auf der Halbinsel Krim, festgenommen und im August in Russland zu 20 Jahren Lagerhaft verurteilt, der Mitangeklagte Alexander Koltschenko bekam zehn Jahre.

In diesen Tagen sieht man in den russischen Städten durchaus stille Zeichen der Unterstützung für Sawtschenko; doch sie sind rar und werden sogleich erstickt. Mitten in Moskau, an der Majakowski-Metro, haben sich am 8. März ein paar Dutzend Menschen versammelt, die meisten waren Frauen, einige brachten ihre Kinder mit. Sie bildeten einen Kreis und hielten sich an den Händen, das reichte, damit die Polizei einschritt. Eine Frau hielt ein handgemaltes Bild hoch, "Lebe, Nadija!" stand darauf, und es schwingt eine unfreiwillige Ironie mit, dass Nadija im Russischen Hoffnung bedeutet.

Die Frau, die daran appellierte, dass die Hoffnung leben möge, wurde festgenommen. Doch am nächsten Tag begann es von Neuem. In Sankt Petersburg gab es stille Proteste, die sogleich mit Festnahmen endeten. Und in Moskau harrten Menschen aus, nicht als Menge, sondern vereinzelt, jeder für sich wie Spaziergänger, die durch die Stadt flanieren, dann Halt machen und etwas hochhalten, ein Blatt oder ein Plakat, auf dem steht: "Nadija". Mehr nicht.