Der türkische Premierminister Ahmet Davutoğlu und die EU-Vertreter Donald Tusk und Jean-Claude Juncker in Brüssel © Carl Court/Getty Images

"Neue Zürcher Zeitung", Schweiz

"Die Europäer stehen nach dem Deal in der Bringschuld. Sie haben sich freiwillig in eine sehr enge Abhängigkeit von der Türkei begeben – auch, um die eigene Untätigkeit zu entschuldigen. Damit muss nun Schluss sein, denn das Abkommen kann nur ein erster Schritt sein, um die unkontrollierbare und inakzeptable Flüchtlingsmisere geregelt und menschlicher zu handhaben. Dafür reichen Zäune auf dem Balkan und Abschreckungsdispositive in der Ägäis aber nicht aus. Es braucht die Bereitschaft, die moralische Verpflichtung Europas zur Aufnahme von Verfolgten aus dem Nahen Osten auch ernst zu nehmen."

"de Volkskrant", Niederlande

"Die EU bezahlt jetzt den Preis für die vernachlässigte Pflege der Beziehungen zur Türkei. Jahrelang wurde Ankara bei den Verhandlungen über die 1999 versprochene EU-Mitgliedschaft hingehalten. Die Türkei wollte wohl, aber Europa musste nicht. Nun wurden die Rollen getauscht und für Ankara wurde in den Verhandlungen ein neues politisches Kapitel aufgeschlagen. Und das zu einem Zeitpunkt, da die Pressefreiheit in der Türkei öffentlich in Ketten gelegt wird. Die EU büßt auch für ihre eigene Nachlässigkeit. Für die mangelnde Bewachung ihrer Außengrenzen zum Beispiel, wodurch illegale Migranten mühelos von Griechenland in die Niederlande, nach Deutschland und Schweden weiterreisen konnten. Außerdem bezahlt sie den Preis für die Zerstrittenheit der Mitgliedstaaten." 

"Midi Libre", Frankreich

"Man schließt die Grenzen! Für sechs Milliarden Euro an die Türkei zahlt die Europäische Union einen hohen Preis, um den Flüchtlingszustrom zu bremsen. Der Kompromiss dürfte die politischen Spannungen vorläufig beheben. Doch der dicke Scheck an Ankara regelt das Problem nicht. Die Migranten werden nicht aufgeben. Sie werden noch mehr Risiken eingehen, um illegal nach Europa einzureisen. Zudem besteht keine Garantie für eine zufriedenstellende Kooperation mit dem türkischen Partner."

"Der Standard", Österreich

"Die Grundlinie stimmt: Illegale Migration soll beendet und durch legale Zuwanderung und Aufnahme von (vor allem syrischen) Flüchtlingen ersetzt werden. Damit endet das Positive an dem Deal. Denn für das Erreichen des Ziels, dass möglichst keine Flüchtlinge mehr den Weg über das Meer nach Griechenland finden, zahlt die Union einen hohen Preis. Den hohen moralischen Ton, den einzelne EU-Staaten in der Regel anstimmen, um die Grund- und Menschenrechtsverletzungen in der Welt anzuprangern, sollten sie sich in nächster Zeit verbeißen. Es war geradezu peinlich, wie stumm sich die EU-Spitzen gegenüber den neuen besten Freunden in Ankara verhielten, was den üblen Umgang mit Pressefreiheit, mit Opposition und Demokratie betrifft. In der neuen Realpolitik passt das nicht mehr ins Konzept. Für die EU ist es wichtiger, dass die türkische Regierung das vereinbarte Ziel tatkräftig umsetzt: den Zustrom an Flüchtlingen nach Griechenland möglichst auf null zu bringen."

"Magyar Nemzet", Ungarn

"In Anbetracht dessen, dass ein Tag 1.440 Minuten hat, heißt dies, dass in den fünf Hotspots (in Griechenland) grob zweieinhalb Minuten zur Verfügung stehen, um einen der täglich 3.000 dort ankommenden Menschen zu 'bearbeiten', also um zweifelsfrei festzustellen, ob der Betreffende Recht auf Asyl hat oder an die Türkei übergeben werden kann. (...) Das ist eine gnadenlose Aufgabe. Kurz: Griechenland ist dafür nicht vorbereitet. (...) Und seien wir ehrlich: Kann man überhaupt als Europäer, als Gemeinschaft moderner, aufgeklärter Menschen, für einen solchen Menschenmarkt vorbereitet sein?"

"Corriere della Sera", Italien

"Es ist eine noch immer kleine Einigung, die aber in die richtige Richtung geht. Die EU steht vor drei verschiedenen Problemen: das der Flüchtlinge, das der Migranten und das derjenigen, die nach Europa kommen, aber nicht um zu bleiben. Die Antwort kann nichts anderes sein als Gemeinschaft, um erfolgreich zu sein. Die EU hat sich nun darauf geeinigt, syrische Flüchtlinge aufzunehmen, aber gleichzeitig mit der Hilfe der Türkei die Migration über den Balkan zu kontrollieren. Sicherlich wird der EU wieder vorgeworfen werden, egoistisch zu sein oder unfähig, widersprüchlich und nicht fähig, die Migrationsfrage anzugehen. Aber die Zweckmäßigkeit der Institutionen und ihrer Politik wird an den Problemen gemessen, die sie lösen muss. Und das Problem ist in diesem Fall fast so schwierig wie ein Krieg."

"Sud Ouest", Frankreich

"Es gibt Abkommen, die man besser nicht unterschrieben hätte. Dazu gehört das zwischen den Europäern und den Türken. Denn der Entschluss, Tausende von Personen zurückzuschicken, von denen die meisten schutzbedürftig sind, ist nicht glorreich. Vor allem, wenn dadurch die Willkommensgeste vom Herbst 2015 und eine bestimmte Konzeption des Asylrechts sanktioniert wird. Angela Merkel verkörpert dieses Gesicht eines Europas, das sich schämen muss. Nachdem die deutsche Kanzlerin den Weg der Großzügigkeit eingeschlagen hat, hat sie nun das Zeichen zum Rückzug gegeben. Man kann ihr nicht vorwerfen, dass sie Initiativen ergreift, dass sie es aber hinter dem Rücken ihrer Partner macht, sagt viel über den schlechten Zustand der Europäischen Union aus."

"MF Dnes", Tschechien

"Die Staaten der Europäischen Union haben sich darauf geeinigt, dass sie der Türkei im Grunde alles geben, was Ankara gefordert hatte. Aber nicht gleich, sondern erst, wenn klar ist, dass das Abkommen tatsächlich funktioniert und die massenhafte illegale Migration von der türkischen Küste nach Europa stoppt. (...) Die Türkei, die mit praktisch allen ihren Nachbarländern im Streit liegt, mit einer Welle des Terrorismus kämpft und zur gleichen Zeit Opposition und Presse einschränkt, erwartet nun von der EU Unterstützung. Doch was passiert, wenn sie diese dann doch nicht erhalten sollte?"

"Lidové noviny", Tschechien

"Die Argumente der Kritiker sind nicht an den Haaren herbeigezogen. Diejenigen von rechts argumentieren, dass der Schutz der Souveränität und der Schengenaußengrenzen auch ohne irgendwelche zusätzlichen Abkommen gewährt sein muss. Die von links sprechen von einer moralischen Bankrotterklärung, wenn die EU ihre humanitäre Haltung aufgibt und der Türkei die schmutzige Arbeit überlässt. Doch obgleich beide Argumente schlüssig sind, gibt es in der Praxis keinen anderen Weg, um den Ansturm der Migranten in der Ägäis zu stoppen und den Menschenschleusern das Geschäft zu vereiteln."