Die Erkenntnisse, die die belgischen Ermittler bislang über die Verantwortlichen der Anschläge in Brüssel zusammentragen konnten, setzen sowohl die belgischen als auch die europäischen Sicherheitsbehörden insgesamt unter Druck. So ist inzwischen bekannt, dass die Selbstmordattentäter vom Dienstag Verbindungen zu den islamistischen Drahtziehern der Anschläge von Paris hatten. Nicht nur EU-Kommissar Günther Oettinger fragt in diesem Zusammenhang nach der Durchschlagskraft der Polizei in Belgien. "Wir müssen aber auch klar die Mängel bei den belgischen Sicherheitsbehörden ansprechen", sagte er der Bild-Zeitung. "Es gibt allein in Brüssel mehrere verschiedene Polizeibehörden, die nicht ausreichend kooperieren. Das kann nicht so bleiben."

Auch die für innere Sicherheit zuständigen EU-Minister, die an diesem Donnerstagnachmittag zu einem Sondertreffen in Brüssel zusammenkommen, stehen in der Kritik. EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker wies darauf hin, dass konkrete Vorschläge für mehr Sicherheit in Europa seit Monaten auf dem Tisch lägen. Ein ähnliches Sondertreffen gab es auch nach den Anschlägen von Paris im vergangenen November.

Ein Ende der "nationalen Egoismen, Schluss mit Wegducken und Schuldzuweisungen" fordert auch der Fraktionsvorsitzende der konservativen Europäischen Volkspartei, Manfred Weber. Er sprach sich für eine Neuorganisation der europäischen Sicherheitsarchitektur aus und forderte die Einrichtung einer europäischen Terrorwarndatei mit einer Liste von Menschen, die unter Terrorverdacht stehen. Außerdem seien eine Fluggastdatenkartei sowie ein eigenes europäisches Auswertungssystem nötig, um die Finanzquellen des Terrorismus trockenzulegen. Die zentrale Rolle komme dabei der europäischen Polizeibehörde Europol zu, so Weber. Bisher könne sie nur Daten auswerten, die ihr freiwillig bereitgestellt würden. "Zukünftig muss Europol das Recht bekommen, Daten anzufordern und automatisch auf sie zuzugreifen", verlangte der CSU-Vize.

Kritik an de Maizière

Auch Bundesinnenminister Thomas de Maizière hatte bereits einen verstärkten Datenaustausch der Sicherheitsbehörden in Europa angemahnt. Getrennte Datenbanken müssten miteinander verknüpft werden, forderte er und wird nun von der Opposition zurechtgewiesen. Als Mitglied des Rates für Justiz und Inneres der EU habe er eine funktionierende rechtsstaatliche Zusammenarbeit schon längst auf den Weg bringen können, sagte Grünen-Chef Cem Özdemir der Neuen Osnabrücker Zeitung. Eine solche Forderung zum jetzigen Zeitpunkt sei "grotesk".

Kritik an de Maizière kommt auch vom hessischen Datenschutzbeauftragten Michael Ronellenfitsch. Er wandte sich gegen Vorwürfe, der Datenschutz erschwere die Terroristenfahndung. "Der Datenschutz ist überhaupt kein Hinderungsgrund", sagte er dem Sender hr-info. "Er wird bei Ermittlungspannen immer nur vorgeschoben." Der CDU-Minister habe Unrecht, wenn er dem Datenschutz die Schuld für Defizite bei der Terrorbekämpfung zuweise.

Tausende neue Polizisten

Bei der Frage nach solchen Defiziten geht es um die Sicherheit an Flughäfen. Darüber wollen in der kommenden Woche EU-Experten beraten. Forderungen nach Tausenden neuen Polizisten, eben auch an Flughäfen, kommen bereits jetzt aus der SPD. Ihr Obmann im Haushaltsausschuss, Johannes Kahrs, sagte, die 3.000 neuen Stellen bei der Bundespolizei könnten nur der Anfang sein. "Allein im Bereich der Ordnungsaufgaben der Bundespolizei sehe ich einen zusätzlichen Bedarf von rund 11.000 Stellen", sagte er der Welt. Für eine bessere Sicherung der Grenzen brauche es zudem 3.000 zusätzliche Kräfte, für die Sicherheit im Luftverkehr seien 5.000 Stellen mehr nötig, und der Zoll müsse um 2.500 Kräfte aufgestockt werden, sagte Kahrs, der auch Sprecher des konservativen Seeheimer Kreises seiner Partei ist.

Zuletzt sprach sich eine klare Mehrheit der Deutschen für dauerhaft höhere Sicherheitsmaßnahmen an Flughäfen und Bahnhöfen aus. Demnach befürworteten 77 Prozent der Befragten, dass die Sicherheitsvorkehrungen in Deutschland nach den Anschlägen in Brüssel dauerhaft verstärkt werden sollten. Dafür nehmen sie in Kauf, dass zusätzliche Kosten und Zeitverzögerungen entstehen. 21 Prozent der Umfrageteilnehmer möchten hingegen langfristig keine verstärkten Maßnahmen an Flughäfen und Bahnhöfen.