Die neueste europäisch-türkische Verhandlungsrunde in Brüssel über einen Deal in der Flüchtlingspolitik hatte noch nicht begonnen, als sich am Donnerstagmorgen drei andere, für sich genommen kleinere Dinge im Verhältnis zwischen Europa und der Türkei ereigneten. Zusammen formten diese ein Hintergrundbild für den großen diplomatischen Aufgalopp der Staats- und Regierungschefs, das nicht besonders positiv ist.

Auf der Rue de la Loi im Brüsseler Europaviertel standen also an diesem Morgen einige Hundert wütende Menschen vor dem Gebäude des Auswärtigen Dienstes der EU. Sie protestieren und schwenkten kurdische Fahnen sowie die des PKK-Chefs Abdullah Öcalan. Gefragt, warum sie da sind, sagten sie: "Damit Europa nicht mit diesem Terroristen Erdoğan zusammenarbeitet."

Die zweite Szene spielte einige Tausend Kilometer südöstlich in Ankara: In der türkischen Hauptstadt blieb die deutsche Botschaft an diesem Morgen geschlossen, und in Istanbul das hohe, eiserne Tor des deutschen Konsulats, nur wenige Meter vom zentralen und so oft umkämpften Taksim-Platz entfernt. Deutsche in der Türkei sollten den deutschen Einrichtungen nicht zu nah kommen, empfahlen die Diplomaten. Wenig später erklärte ihr Chef, Außenminister Frank-Walter Steinmeier, man habe "sehr konkrete Hinweise" auf geplante Terroranschläge gegen deutsche Einrichtungen in der Türkei. Dass solche Warnungen ernst zu nehmen sind, zeigt der vergangene Sonntag: Dort waren bei einem Anschlag in Ankara 37 Menschen getötet worden. Der fünfte große Anschlag in einer türkischen Metropole innerhalb weniger Monate.

Auch aus Vorsicht wird Hasnain Kazim Istanbul verlassen. Der Korrespondent des Spiegel hatte, wie einige andere deutsche Journalisten, keinen neue Presse-Akkreditierung von den türkischen Behörden bekommen. An eine solche ist aber seine Aufenthaltserlaubnis gebunden. Kazim war von regierungshörigen Medien immer wieder persönlich angegriffen worden. Dass ihr Korrespondent nun offenbar nicht mehr erwünscht ist, sei, so der Spiegel, "nicht tolerabel und verletzt die Pressefreiheit". So wie der Anschlag von Ankara nicht der erste war, ist Kazim nur einer von zahlreichen ausländischen Journalisten und Wissenschaftlern, die das Land verlassen mussten.

Das sind Nachrichten nur aus wenigen Stunden, die sich einreihen in die lange Liste düsterer Meldungen aus und über die Türkei. Und sie scheinen in scharfem Kontrast zu stehen zu den Bemühungen der EU und vor allem Angela Merkels, die Türkei zur Lösung der Flüchtlingskrise möglichst eng an sich zu binden.

Kann dieses Land wirklich ein Partner sein? Wenn Deutsche dort nicht sicher und Journalisten nicht akzeptiert sind? Sollte Europa der dortigen Regierung politisch entgegenkommen, gerade jetzt? Für die Bundeskanzlerin kommen die Meldungen zur Unzeit, am Gipfeltag. So wird es für Angela Merkel noch schwerer, die anderen Regierungen und die Öffentlichkeit von dem ungeliebten Partner zu überzeugen. 

Merkel versucht deshalb einen Spagat. Sie will der Türkei entgegenkommen, ohne ihr zu nahezukommen, sie gar zu umarmen. Das ist vor allem in den beiden politisch aufgeladensten und damit sensibelsten Punkten in den Verhandlungen zu erkennen.

Erstens: Die Öffnung neuer Verhandlungskapitel im Beitrittsprozess der EU. Das wird sehr wahrscheinlich Teil des Deals sein. Kritiker sehen darin eine moralische Bankrotterklärung der EU, weil damit plötzlich etwas möglich werden könnte, was die Kanzlerin eben noch verhindert hat. In dieser vor allem auch von der CSU vertretenen Perspektive gelten schon die Beitrittsverhandlungen als Verrat der europäischen Werte, denen die Türkei sowieso nie genügen wird.