In Lojane sind die professionellen Grenzgänger schon wieder im Geschäft. Halbwüchsige und schweigsame Lederjackenträger harren am Ortsausgang des mazedonischen Grenzdorfs an dem Feldweg nach Serbien auf ihre Kunden. Erst vor Einbruch der Dunkelheit sei mit der Ankunft der Flüchtlinge zu rechnen, die durch die Wälder den Weg über die grüne Grenze ins nahe Serbien suchen, erzählt im Dorfcafé ein braungebrannter Landwirt. Viele in Lojane würden sich zwar freuen, dass nun "endlich wieder Geld" in das bitterarme Dorf komme: "Aber Menschenschmuggel ist für das Dorf kein gutes Geschäft. Wenn die Polizei die Leute schnappt, drohen mindestens vier bis elf Jahre Haft: Schon jetzt sitzen aus Lojane 30 Menschen im Gefängnis von Kumanovo ein."

Die Abriegelung der mazedonisch-griechischen Grenze hat die Zahl der Flüchtlinge, die in Deutschland ankommen, vorläufig stark reduziert. Zehntausende Migranten hängen nun in Griechenland fest und kommen nicht weiter. Hält der Flüchtlingsdruck aus der Türkei aber an, werden die Schleuser versuchen, für ihre Kunden alternative Wege in das ersehnte Westeuropa zu erschließen. Denn ob Balkan-, Adria-, oder Ostroute: Die Erfahrung lehrt, dass die Flüchtlinge und die Schleuser auf Hindernisse sehr schnell reagieren.

Die Zahl der illegalen Flüchtlinge steige, die der offiziell eingereisten Immigranten hingegen sei "stark zurückgegangen", umschreibt Radoš Đurović, Direktor des Zentrums für Asylsuchende im serbischen Belgrad, die Lage: "Insgesamt sind derzeit deutlich weniger Flüchtlinge auf der Balkanroute unterwegs. Doch hält der Druck aus der Türkei an, wird sich das nicht halten lassen: Die Leute werden weiter kommen – und sich andere Wege nach Westen suchen."

Flüchtlinge - Luftaufnahmen von der Ausnahmesituation in Idomeni Die Aufnahmen einer Drohne zeigen, wie weit sich das Lager der Flüchtlinge auf griechischer Seite vor dem mazedonischen Kontrollposten erstreckt. Flüchtlinge und Migranten haben an diesem Tag aus Protest den Eisenbahnverkehr lahmgelegt.

Fluchtroute schon in der Vergangenheit mehrfach geändert

Nicht nur der Blick auf die Landkarte, sondern auch die Erfahrung bestätigt, dass vom Bosporus aus viele Wege nach Westeuropa führen. Der Verlauf der Balkanroute hat sich nicht nur während der derzeitigen Flüchtlingskrise bereits mehrmals geändert, sondern war auch schon in früheren Jahren einem steten Wandel unterworfen. 

In den letzten Tagen sei zwar "noch kein verschärfter Druck" auf Bulgariens Grenzen zu Griechenland oder der Türkei zu registrieren, berichtet Sofia Kitty McKinsey, die Sprecherin des UN-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR): "Aber in der Vergangenheit haben die Schlepper mit alternativen Routen sehr schnell auf jede Änderung der Lage reagiert." Sie können sich über Smartphones genauso schnell über Änderungen verständigen wie die Flüchtlinge.

Hilfsorganisationen, Medien und die verantwortlichen Politiker der Region spielen derzeit alle erdenklichen Szenarien möglicher Routenänderungen nervös durch: Denn die erhoffte Entlastung durch Abriegelung der eigenen Grenzen bedeutet in der Regel verstärkten Druck auf die der Nachbarländer. Im Wesentlichen wird über drei Szenarien möglicher Routen-Änderungen samt mehrerer Varianten spekuliert: neue Umleitungen auf der bisherigen Balkanroute; die Verlagerung der Flüchtlingsbewegungen auf eine südlichere "Adriaroute" via Albanien; oder die verstärkte Nutzung und Verschiebung der "Ostroute" über Bulgarien nach Rumänien – möglicherweise gar über die bisher kaum genutzte Schwarzmeerroute.

Sollte die EU die Türkei aber tatsächlich dazu bewegen, den Bootstransfer auf die griechischen Inseln effektiv zu unterbinden und gleichzeitig die "Umleitung" der Fluchtroute nach Bulgarien zu verhindern, dürfte die Mittelmeerroute von Libyen nach Italien wieder in den Blickpunkt rücken: Schon jetzt sollen an Libyens Küste Zehntausende von Flüchtlingen nur auf den Frühling und besseres Wetter für die riskante Passage nach Lampedusa warten.

Umleitungen auf der Balkanroute

So wie die Abzäunung von Ungarns Grenzen zu Serbien und Kroatien im Herbst zu der Verschiebung der Balkanroute nach Westen führte, könnte es wegen der Abriegelung der mazedonisch-griechischen Grenze nun erneut zu Umleitungen kommen.

Radoš Đurović erinnert daran, dass die Schleuser bereits vor drei Jahren zeitweise den Umweg über Albanien nutzten: Als Mazedoniens Polizei 2013 verstärkt im Dreiländereck zu Serbien und Kosovo patrouillierte und mehrere Schlepper in Lojane verhaften ließ, sei der Flüchtlingstransfer eine Zeit lang über Albanien und Montenegro nach Serbien erfolgt: "Das war damals für die Schlepper einfach vorteilhafter." Die Wiederholung des Szenarios hält er genauso für vorstellbar wie die verstärkte Nutzung von bereits jetzt frequentierten lokalen Ausweichrouten an der serbisch-mazedonischen Grenze über den Kosovo.