Die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union werden beim Sondergipfel voraussichtlich die Schließung der Balkanroute für Flüchtende beschließen. Das sieht der Entwurf des Treffens vor, über den am Montagabend in Brüssel verhandelt werden soll. "Diese Route ist jetzt geschlossen", heißt es in dem Text.

Offenbar will auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) dem Papier zustimmen. Das meldet der Tagesspiegel unter Berufung auf Diplomatenkreise. Damit würde sie der österreichischen Regierung nachgeben, die die Route gemeinsam mit Nachbarstaaten weitgehend gesperrt und so Fakten geschaffen hatte.

Über Monate konnten Hunderttausende Flüchtlinge und Migranten über die Balkanroute nach Nordwesten reisen; ein Land reichte sie einfach an das nächste weiter. Schließlich führten mehrere Anrainerstaaten Grenzkontrollen ein und befestigten die Übergänge. Mazedonien lässt inzwischen kaum noch Flüchtlinge aus Griechenland passieren. Gegenwärtig sitzen dort schätzungsweise 35.000 Menschen fest. Der griechische Regierungschef Alexis Tsipras will bei dem Brüsseler Gipfel erreichen, dass Flüchtlinge aus seinem Land auf alle EU-Staaten verteilt werden. Die EU-Kommission hat vorgeschlagen, Griechenland und andere europäische Länder mit humanitärer Hilfe in Höhe von 700 Millionen Euro in den kommenden drei Jahren zu unterstützen.

Merkel berät mit Davutoğlu über Aktionsplan

Bundeskanzlerin Angela Merkel beriet vor dem Gipfel in Brüssel mehrere Stunden lang mit dem türkischen Ministerpräsidenten Ahmet Davutoğlu über Konsequenzen aus der Flüchtlingskrise. Das bestätigten am frühen Montagmorgen deutsche Regierungskreise. Einzelheiten wurden nicht bekannt. An dem Gespräch in der türkischen Botschaft nahm auch der niederländische Regierungschef Mark Rutte teil. Die Niederlande haben derzeit die EU-Präsidentschaft.

Das Treffen sollte den EU-Türkei-Gipfel am Montag vorbereiten. Dabei geht es um die Umsetzung des mit Ankara vereinbarten Aktionsplans zur Begrenzung des Flüchtlingszuzugs nach Europa. Im November hatte die EU der Türkei drei Milliarden Euro zugesagt, wenn sie die Weiterreise der Flüchtenden in die EU verhindert. Zuletzt hatte die Türkei die EU aufgefordert, diese Summe um weitere zwei Milliarden aufzustocken. Mit dem Geld soll die Türkei unter anderem gegen Schleuser an der Mittelmeerküste vorgehen und Geflüchtete aus Syrien von Griechenland zurücknehmen.

Flüchtlinge - Luftaufnahmen von der Ausnahmesituation in Idomeni Die Aufnahmen einer Drohne zeigen, wie weit sich das Lager der Flüchtlinge auf griechischer Seite vor dem mazedonischen Kontrollposten erstreckt. Flüchtlinge und Migranten haben an diesem Tag aus Protest den Eisenbahnverkehr lahmgelegt.

Die Zahl der Migranten aus der Türkei sinke bereits, sagte der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoğlu am Sonntag vor seiner Abreise nach Brüssel. Allerdings sei dieser Rückgang nicht "dramatisch". Das liege auch an der Ausweitung der Krise in Syrien vor Beginn der Waffenruhe Ende Februar.

Der britische Premierminister David Cameron kündigte kurz vor seiner Abreise nach Brüssel an, den Nato-Marineeinsatz gegen Schleuser in der Ägäis mit mehreren Schiffen und einem Hubschrauber zu unterstützen. "Wir müssen das Geschäftsmodell der kriminellen Schleuser aufbrechen", sagte Cameron. Die Flüchtlinge müssten von ihrer "fruchtlosen und gefährlichen" Reise abgehalten werden. Der von Deutschland geführte Nato-Einsatz hatte am Sonntag begonnen.

Russland bietet Hilfe gegen Rückkehr in die G8-Gruppe

Russland erklärte seine Bereitschaft, die Flüchtlingskrise im Rahmen des G8-Formates zu lösen. "Die modernen Herausforderungen, sei es Migration oder Terrorismus, lassen sich ohne Zusammenarbeit einfach nicht beheben", sagte Russlands Botschafter in Deutschland, Wladimir Grinin, der Rheinischen Post. Die Qualität der globalen und regionalen Sicherheit hänge von der Fähigkeit der Länder ab, auf Augenhöhe zu kooperieren. Deshalb sei Russland bereit, auch "eingefrorene" Dialogformate mit neuem Leben zu erfüllen, sagte Grinin. Der Westen habe sich die G8 als Plattform für Gespräche zwischen Russland und westlichen Staaten selbst entzogen.

"Wir beobachten mit großer Besorgnis die zunehmenden Migrationsströme nach Europa und sind daran interessiert, dass diese präzedenzlose Flüchtlingskrise in der EU möglichst schnell beigelegt wird", sagte Grinin weiter. Die Russische Föderation habe ihrerseits bereits zwei Millionen Flüchtlinge aus der Ukraine aufgenommen. "Wir sind gern bereit, unsere entsprechenden Erfahrungen mit Partnern aus der EU zu teilen", sagte der Botschafter.

Die sieben größten Industrienationen der westlichen Welt hatten Russland wegen des Ukraine-Kriegs aus dem früheren G8-Bündnis ausgeschlossen. Putin hatte in den letzten Monaten mehrfach deutlich gemacht, dass er zur G8 zurückkehren möchte.