Die Vereinbarung der EU mit der Türkei über die Rückführung von Flüchtlingen kann nach Angaben eines griechischen Regierungsvertreters nicht wie geplant ab Sonntag umgesetzt werden. Ein solcher Plan lasse sich nicht "in nur 24 Stunden" umsetzen, sagte der Koordinator für Einwanderungspolitik der griechischen Regierung, Giorgos Kyritsis, am Samstagabend der Nachrichtenagentur AFP.

Bei einer Kabinettssitzung am Samstagnachmittag sei zwar ein Plan aufgestellt worden, führte Kyritsis aus. Regierungschef Alexis Tsipras habe dabei auch die sofortige Umsetzung dieses Plans gefordert. "Aber de facto braucht man Strukturen, das Personal muss vorbereitet sein und das dauert ein bisschen länger als 24 Stunden", gab der Koordinator zu bedenken.

Das beim Brüsseler Gipfel beschlossene Abkommen sieht vor, dass alle Flüchtlinge, die ab Sonntag auf griechischen Inseln ankommen, zurück in die Türkei geschickt werden sollen. Die ersten Flüchtlinge sollen am 4. April zurückgeführt werden. Die griechische Regierung hat bereits Fähren für die Inseln Lesbos und Chios angemietet, um die Menschen in die Auffanglager auf dem Festland zu bringen.

EU-Kommission drängt auf rasche Umsetzung

In zahlreichen Städten Europas haben Tausende Menschen am Samstag gegen die Flüchtlingspolitik der EU demonstriert. Kundgebungen für eine Politik der offenen Grenzen gab es unter anderem in London, Athen, Wien, Barcelona, Amsterdam sowie in mehreren Schweizer Städten.

In der Nacht wurde bekannt, dass bei der Ankunft eines überfüllten Bootes auf der griechischen Insel Lesbos zwei tote Migranten gefunden worden waren. Ärzte versuchten am Sonntag vergeblich, die beiden Männer wiederzubeleben. Das Flüchtlingsboot hatte am Sonntag Dutzende Migranten aus der Türkei in das EU-Land Griechenland gebracht.

EU-Kommissionsvize Valdis Dombrovskis drängte am Abend auf eine rasche Umsetzung des Abkommens. Die Einigung sei ein wichtiger Schritt, sagte Dombrovskis den Zeitungen der Funke Mediengruppe laut Vorabbericht. "Sie muss jetzt schnell umgesetzt werden." Der Politiker sprach von einer großen Herausforderung für Europa. Unter anderem gehe es um die Verteilung der Flüchtlinge auf die EU-Staaten.

Ratlosigkeit bei Helfern und Beamten

Mit dem am Freitag erzielten Abkommen will die EU den Flüchtlingsandrang drastisch reduzieren. Es trat an diesem Sonntag in Kraft. Für jeden Syrer, der von nun an nach Griechenland kommt und dann von der Türkei zurückgenommen wird, soll ein anderer Syrer von der EU direkt aus der Türkei aufgenommen werden. Offen ist, wie stark sich die einzelnen EU-Länder daran beteiligen werden.

Nach Angaben von Tsipras wollen die EU-Länder personelle Unterstützung schicken, darunter Experten für Asylfragen, Übersetzer und Polizisten. Doch auf Lesbos war am Samstag noch keine Verstärkung eingetroffen, und bei Beamten wie freiwilligen Helfern herrschte Ratlosigkeit.

"Wir wissen noch nicht, wie wir die Beschlüsse in der Praxis handhaben sollen", sagte ein Polizeivertreter AFP. "Wir warten vor allem dringend auf das von der EU versprochene Personal, um die Asylgesuche rasch bearbeiten zu können, die Übersetzer, Anwälte, Polizisten – alleine schaffen wir das nicht", sagte er.