Flüchtlinge am Grenzzaun in Idomeni © Marko Djurica/Reuters

Gefährlicher noch als Kälte und Krankheiten sind in Idomeni die Gerüchte. Das jüngste, wonach die griechisch-mazedonische Grenze am Sonntagmittag geöffnet werde, hat in Windeseile etwa 2.000 Flüchtlinge aufgerüttelt. Viele sind die 15 Kilometer von den griechischen Lagern zur Grenze gelaufen und versammeln sich hinter dem Zaun, Babys auf dem Arm und Taschen auf dem Rücken.

Wie das Gerücht entstand, weiß niemand genau. Einige Flüchtlinge glauben, eine Gruppe des Roten Kreuzes gehe voraus und die verzweifelte Karawane würde es bis nach Deutschland schaffen; andere sagen, dass Journalisten und Aktivisten den Weg ebnen würden. Natürlich geschieht nichts davon, stattdessen werden die Flüchtlinge von der griechischen Polizei gestoppt.

Die meisten sind Syrer, die Schilder mit den Aufschriften "Schlagt uns nicht" und "Öffnet die Grenzen" hochhalten und mit weißen Handtüchern wedeln. "Ich bin überzeugt, dass unser Protest dazu führen wird, dass wir nach Mazedonien kommen", sagt der 20-jährige Omar Hamad ZEIT ONLINE, er singt ein traditionelles Lied durchs Megafon. Derweil versucht eine Gruppe vor allem älterer Männer, die Entschlossenen von ihrem Versuch abzuhalten, die Grenze zu überwinden. Einige Pakistani bewegen sich entschlossen zum Polizeispalier hin, erfolglos. Aus Lautsprechern kommen Mahnrufe auf Arabisch und Farsi, alle Flüchtlinge sollten doch bitte zurück ins Camp gehen.

"Wir sterben jeden Tag"

Drei Stunden später sind die Flüchtlinge müde und frustriert. Familien weinen – sie können nicht glauben, dass es schon wieder ein Fehlalarm ist. "Das war meine letzte Hoffnung", sagt Alan Rasoul, ein 25-jähriger syrischer Bauingenieur aus Qamischli nahe der syrisch-türkischen Grenze. Er ist sehr enttäuscht und wartet im Bus, der ihn ins 100 Kilometer entfernte Lager Katerini zurückbringen wird, wo seine Frau und sein Sohn leben. "Wir haben kein Geld. Wir sterben jeden Tag." Rasouls Cousin Jesan Falit, ein 24-jähriger Lehrer, hat sich auch in den Bus gesetzt, nach 30 Tagen im Schlamm vom Idomeni.

Der Syriza-Abgeordnete Sokratis Famelos, der die Grenzregion besucht, sagt, Idomeni sei keine Übergangsstelle mehr, darum sollten die Flüchtlinge der griechischen Regierung vertrauen und in die Auffanglager gehen. Am Wochenende machten das aber nur 250 Menschen, darunter eine Familie mit einem 9-jährigen Mädchen, das an Hepatitis A erkrankt ist. Insgesamt 11.500 Flüchtlinge bleiben in Idomeni und sind bereit, das nächste gefährliche Gerücht zu glauben. "Es ist wie Treibsand", sagt ein Polizist.

Es brauchte kein Flugblatt, um den letzten Aufruhr auszulösen. Aber es gab Hunderte Nachrichten auf Facebook, die die Flüchtlinge dazu animierten, loszulaufen. Im Lager Idomeni sieht man am Sonntagmittag viele deutsche und niederländische "Aktivisten", angebliche Mitglieder unbekannter Organisationen. Einige sind maskiert und hindern ausländische Medien daran, über sie zu berichten. Die griechische Polizei stoppt sie nicht. Etwa 300 italienische Aktivisten, die nach Idomeni gekommen waren, distanzieren sich davon. "Wir sind nur hier, um humanitäre Hilfe zu leisten", sagt Tommaso Gandini vom Projekt Melting Pot Europa ZEIT ONLINE. "Vielleicht spielen einige ein übles Spiel auf dem Rücken der Flüchtlinge", sagt Giorgos Kyritsis, der Sprecher des Krisenstabs der griechischen Regierung für die Flüchtlingskrise.