Idomeni - Dramatische Szenen bei Flussüberquerung von Flüchtlingen Bis zu 2.000 Migranten sind am Montag trotz geschlossener Grenze von Griechenland aus auf mazedonisches Gebiet vorgedrungen. Szenen von der Flussüberquerung

Mehr als zwei Wochen lang hatte der 20 Jahre alte Syrer Mohamed Hariri an der griechisch-mazedonischen Grenze festgesessen. Bis zum Montagnachmittag. Da lassen Mohamed und etwa 1.000 weitere Flüchtlinge gemeinsam ihre langsam im Schlamm versinkenden Zelte im griechischen Flüchtlingslager Idomeni zurück und laufen los, in Richtung des fünf Kilometer entfernten Dorfs Hamilo. "Deutschland, Deutschland!", rufen sie und "Danke, Griechenland!". Verarmt und schlecht informiert machen sie sich auf zur Grenze. Die griechischen Behörden greifen nicht ein.

"Ich will nach Deutschland", sagt Hariri unterwegs. "Ich weiß, dass ich in Mazedonien verhaftet werden könnte. Aber ich habe nichts mehr zu verlieren." Am Fluss Malareva kommt die Gruppe der rund hundert meist jungen Syrer kurz zum Stehen. Dann ziehen sie sich wie selbstverständlich die Schuhe aus, halten sie über die Köpfe und beginnen, die reißenden Wassermassen zu überqueren. Ein Seil, das Aktivisten über den Fluss gespannt haben, hilft ihnen dabei.

Erschütternde Szenen spielen sich ab. Frauen weinen, Kinder werden beinahe weggerissen. Einige Menschen helfen älteren Leuten, andere haben Kinder im Arm. Der Fluss ist durch die tagelangen Regenfälle stark angeschwollen, das Wasser eiskalt. Kleider und Rücksäcke werden weggespült. Weinen ist zu hören, verzweifelte Schreie, immer wieder. Es ist ein Wunder, dass an diesem Tag kein Flüchtling ertrinkt. 

Unter größten Schwierigkeiten schafft es Hararis Gruppe ans andere Ufer. Von dort geht es weiter, zwei Kilometer sind es bis zur mazedonischen Grenze, entlang von Weinbergen zieht sich ein Metallzaun. Schließlich passieren die Flüchtlinge die steinernen Ruinen eines ehemaligen jugoslawischen Checkpoints – und wissen, sie sind in Mazedonien. Hier endet auch der Zaun, die Vegetation ist dicht und so schlagen sie sich in die Büsche.

Abdullah Mohamed, ein junger Kurde aus dem Irak, kommt mit der nächsten Gruppe. Er ist mit drei Cousins unterwegs, auch sie haben den Fluss überquert. "Wir waren 17 Tage lang in Idomeni. Nichts kann uns aufhalten", sagt Abdullah, bevor auch er lautlos im Gebüsch verschwindet. Fotis Koulasizidis aus Hamilo steht mit seinem Jeep an der Grenze. Fassungslos beobachtet er die Szenerie. "Die gehen direkt in die Höhle des Löwen", sagt er. "Welcher Irre hat die Leute auf die Idee gebracht, das zu tun?"

Festgenommen und eingesperrt

Bis in die späten Abendstunden kommen Menschen aus Idomeni an den unbewachten Grenzabschnitt. Die griechische Polizei schätzt, dass insgesamt mehr als 1.000 Flüchtlinge nach Mazedonien gelangen. Die meisten von ihnen werden festgenommen und im Dörfchen Moin eingesperrt, in einer Schule und anderen Gebäuden. Wie viele es tatsächlich nach Mazedonien geschafft haben, ist zunächst unklar, genauso ihr Schicksal. Sicher ist, dass sie wohl sehr bald zurückgeschickt werden. Hunderte Migranten, denen es nicht gelungen ist, den mazedonischen Grenzzaun zu überqueren, sind unterdessen wieder ins griechische Hinterland zurückgekehrt. Neben den Hunderten Flüchtlingen wurden zudem auch 30 Aktivisten und Fotojournalisten verhaftet und nach Griechenland zurückgebracht. Jeder von ihnen musste 260 Euro Strafe zahlen wegen unerlaubten Grenzübertritts.

Flüchtlinge vor der Flussüberquerung © Kostas Koukoumakas für ZEIT ONLINE

Am Montag blieb zunächst unklar, was die Flüchtlinge zu der massenweisen Flucht aus Idomeni bewogen hat. Bürgermeisterin Xanthoula Soupli sagte ZEIT ONLINE, Fremde hätten am Sonntag im Camp Flyer verteilt. Darauf habe gestanden, dass es einen unbewachten Grenzübergang gebe und niemand die Flüchtlinge aufhalten könne, wenn sie sich alle gleichzeitig aufmachten. Einige ausländische Korrespondenten berichteten, die Flüchtlinge hätten Landkarten bekommen, auf denen die Balkanroute eingezeichnet gewesen sei, dazu der Hinweis auf einen Treffpunkt um zwölf Uhr mittags und die Notiz, der Weg nach Deutschland sei frei, solange in Gruppen gegangen werde. Experten von Nichtregierungsorganisationen, die ihre Namen nicht nennen wollten, behaupteten, ausländische Aktivisten, die bereits zu Jahresbeginn nach Idomeni gekommen seien, seien verantwortlich für den Exodus.

Am späten Abend bestätigt die griechische Regierung die These vom organisierten Exodus. "Wir haben in unseren Händen Flugblätter, die zeigen, dass das eine organisierte Aktion war", erklärte der Sprecher des Krisenstabes für die Flüchtlingskrise, Giorgos Kyritsis, nach einer Dringlichkeitssitzung unter dem Vorsitz von Ministerpräsident Alexis Tsipras in Athen. Griechische Zeitungen zitierten den Wortlaut des Flugblattes, auf dem den Flüchtlingen in arabischer Sprache erklärt wurde, wie sie den mazedonischen Grenzzaun umgehen könnten. Wer dahinter stecke, sei unklar.

Laut Kyritsis gab es auch noch andere Flyer, die die Migranten falsch informiert und sie aufgefordert hätten, nicht in andere Lager im Landesinneren zu gehen. Sie sollten nicht in Busse steigen, weil die Regierung in Athen plane, sie zurück in die Türkei zu bringen, heiße es darin. "Wir fordern die Migranten und Flüchtlinge auf, den griechischen Behörden zu vertrauen und es zu akzeptieren, in andere Lager gebracht zu werden", sagte Kyritsis. Die Lage im Camp in Idomeni sei absolut aussichtslos.

"Sie werden alle wieder zurückgeschickt"

Wer auch immer die Verantwortung trägt: Am Ende war es eine tragische und hochgefährliche Situation. Viele Menschen riskierten zu ertrinken, andere mussten die Nacht bei klirrender Kälte in den Bergen verbringen. Dazu gab es Berichte, Flüchtlinge seien von mazedonischen Soldaten und Beamten geschlagen worden. Und all das, nachdem bereits am Sonntag drei Flüchtlinge – eine Frau und zwei Männer – auf der mazedonischen Seite der Grenze nahe Gevgelija ertrunken sind. 23 weitere Flüchtlinge aus ihrer Gruppe kamen mit Unterkühlungen ins Krankenhaus.

Der Massenexodus scheint zudem eine diplomatische Krise ausgelöst zu haben. Mazedonische Behörden warfen der griechischen Polizei Untätigkeit vor, für den späten Montagabend berief Griechenlands Ministerpräsident Alexis Tsipras in Athen ein Krisentreffen ein.

In der Nähe von Hamilo, dem Schauplatz des Ereignisses, hockt der 23-jährige Syrer Jazin Jarzour am Rand einer Erdpiste, bei sich nichts als einen Rucksack und eine Gitarre. Die Nachrichten des Dramas am Fluss sind schon zu ihm durchgedrungen. "Das ist verrückt. Ich bin auch von Idomeni aus losgegangen und wollte zur Grenze. Inzwischen habe ich aber mitbekommen, dass es sinnlos ist. Sie werden alle wieder zurückgeschickt", sagt Jarzour. "Ich war auch erst unten am Fluss, habe vielen geholfen hinüberzukommen. Aber irgendwann habe ich aufgehört. Morgen schicken sie sie alle wieder zurück und dann wird alles noch schwieriger für uns", meint der Flüchtling.  

Rund 10.000 Menschen sitzen derzeit im Camp in Idomeni fest. Viele von ihnen haben schon versucht, zum Grenzzaun zu gelangen, drehten aber auf halber Strecke um, weil sie den Weg nicht kannten. Niemand weiß, wie es in den nächsten Tagen weitergeht an der griechisch-mazedonischen Grenze. Klar ist nur: Die Lage ist äußerst angespannt.