Vor dem EU-Gipfel in Brüssel ist noch unklar, ob das geplante Flüchtlingsabkommen mit der Türkei zustande kommt. EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker sagte dem Handelsblatt in einem Interview: "Ich bin vorsichtig optimistisch. Wir werden mit der Türkei in den kommenden Tagen eine verbindliche Abmachung treffen, die wir beim letzten Gipfel bereits vorbereitet hatten." EU-Ratspräsident Donald Tusk wies darauf hin, dass vor einer Einigung noch viel Arbeit zu tun bleibe. 

Bei dem am Donnerstagnachmittag beginnenden Gipfel wollen die EU-Staaten mit der Türkei eine Vereinbarung treffen, die die Anzahl der nach Europa kommenden Flüchtlinge reduzieren soll. Der Deal soll unter anderem erreichen, dass illegal nach Griechenland eingereiste Flüchtlinge und Migranten von Ankara zurückgenommen werden. Im Gegenzug soll die EU eine gleiche Anzahl syrischer Flüchtlinge aus der Türkei aufnehmen. Dadurch soll das Geschäftsmodell krimineller Schleuser zerstört werden. Ankara verlangt als Gegenleistung unter anderem beschleunigte Beitrittsverhandlungen und mehr finanzielle Unterstützung von der EU. Im jüngsten Entwurf des Abkommens, das Freitag mit dem türkischen Ministerpräsidenten Ahmet Davutoğlu veröffentlicht werden soll, steht: "Die EU und die Türkei haben heute entschieden, die irreguläre Migration von der Türkei in die EU zu beenden."

Zuletzt hatte es vor allem rechtliche Bedenken an der Rückführung von Flüchtlingen aus der EU in die Türkei gegeben. Juncker bestritt, dass dieser Plan gegen die Genfer Flüchtlingskonvention verstoße: "Jeder illegale Migrant wird ein individuelles Asylverfahren durchlaufen, das rund eine Woche dauern soll, wobei er immer ein Recht auf Berufung haben muss. Erst danach kann er in die Türkei zurückgeschickt werden." 

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat in ihrer Regierungserklärung für das umstrittene Abkommen mit der Türkei geworben und weitere Milliardenhilfen in Aussicht gestellt. Sie lobte die Anstrengungen der Türkei in der Flüchtlingskrise. Gleichzeitig sagte sie, dass ein EU-Beitritt des Landes nicht auf der Tagesordnung des Gipfels stehe. Auch für die von Ankara geforderten Visaerleichterungen gebe es Bedingungen, sagte sie. Die Opposition im Bundestag warnte vor zu großen Zugeständnissen an die Türkei.

Allein in Griechenland kamen seit Anfang 2015 mehr als eine Million Flüchtlinge auf dem Weg über das Mittelmeer an. Das geht aus einer aktualisierten Datensammlung des UNHCR hervor. Demnach erreichten im vergangenen Jahr 856.723 Flüchtlinge die griechischen Inseln, vor allem von der Türkei aus. Seit Anfang 2016 kamen bis zum 15. März weitere 143.634 Menschen auf der Flucht zunächst nach Griechenland.