Anstehen für ein besseres Leben: Tausende Flüchtlinge kamen 2015 nach Deutschland. © Picture Alliance

2015 war für Deutschland ein besonderes Jahr. Nie zuvor kamen so viele Menschen ins Land, suchten hier Schutz vor Krieg, Verfolgung und Armut. Knapp 500.000 von diesen Menschen haben Asyl beantragt. Das bedeutet: Sie sind registriert, das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) kennt ihre Namen, ihr Alter und ihr Herkunftsland.

Doch wie viele Flüchtlinge sich tatsächlich in Deutschland aufhalten, ist unklar

Immer wieder heißt es, mehr als eine Million neu angekommene Flüchtlinge lebe zurzeit in der Bundesrepublik. Diese Zahl bezieht sich auf die Easy-Registrierung (Erstverteilung für Asylbewerber): Darin werden alle Flüchtlinge gezählt, die die Grenze überschritten haben. Demnach kamen im vergangenen Jahr 1,1 Millionen Menschen nach Deutschland. Doch ob sie auch hier blieben, darüber sagt diese Zahl nichts aus.


Viele der Flüchtlinge, die keinen Asylantrag stellten, sind vermutlich in andere Länder weitergereist. In Schweden kamen 2015 beispielsweise etwa 160.000 Asylsuchende an. Die meisten von ihnen dürften Deutschland durchquert haben. Andere sind enttäuscht von ihrem neuen Leben hierzulande und ziehen wieder zurück in ihre Heimat. Wie viele Menschen bereits ausgereist sind, ist nirgendwo erfasst.

Einen Teil der Asylsuchenden dürfte es zudem nur auf dem Papier geben: Das Bamf schließt nicht aus, dass Flüchtlinge doppelt gezählt wurden. Bei der Easy-Erfassung wurden bis vor kurzem keine Namen oder Geburtsdaten festgehalten – ob jemand schon einmal registriert wurde, ist also nicht nachvollziehbar.

Die Registrierung wird nun verbessert, seit Februar werden an der Grenze alle persönlichen Daten aufgenommen. Doch bislang bleibt die Zahl der gestellten Asylanträge die einzige belastbare Zahl. Sie lässt einige Schlüsse zu. 

Zuerst kamen die meisten Asylbewerber vom Balkan, jetzt kommen sie aus dem Nahen Osten

Im vergangenen Jahr gab es zwei große Flüchtlingsbewegungen: Im Frühjahr kamen viele Bewerber vom Balkan, vor allem Menschen aus Albanien und dem Kosovo suchten in Deutschland Asyl.

Doch erst ab September stiegen die Flüchtlingszahlen wirklich stark an. Seither kommen immer mehr Menschen aus Syrien nach Deutschland, aber auch Flüchtlinge aus dem Irak und Afghanistan suchen hierzulande Schutz.

Die meisten Asylbewerber sind unter 30 Jahre alt und männlich. Nur ein Drittel aller Flüchtlinge sind Frauen. Durch den Familiennachzug könnte sich das Geschlechts- und Altersgefälle allerdings verschieben.

Die meisten Asylanträge pro Einwohner werden in Mecklenburg-Vorpommern und im Saarland gestellt

Mit der EASY-Registrierung werden die Asylsuchenden gemäß des Königsteiner Schlüssels auf die Bundesländer verteilt, dort sollen sie dann ihren Asylantrag stellen. Doch wie viele am Ort im vergangenen Jahr Asyl beantragt haben, unterscheidet sich stark von Bundesland zu Bundesland: Nur etwa ein Drittel der Einwanderer, die Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Rheinland-Pfalz zugewiesen wurden, haben dort bisher auch einen Asylantrag gestellt.

In Mecklenburg-Vorpommern und dem Saarland sind es hingegen 80 Prozent. Dort gibt es auch auf die Einwohnerzahl gerechnet die meisten Asylbewerber. Die Unterschiede könnten daraus resultieren, dass einige Länder nicht mit der Annahme der Asylanträge hinterherkommen – deshalb tauchen einige Bewerber noch nicht in den Statistiken auf. Dieses Problem trifft vermutlich vor allem jene Länder, die für Flüchtlinge besonders attraktiv sind, weil dort schon Communities der eigenen Nationalität entstanden sind. Denn wer flieht, folgt häufig den Pfaden, die Verwandte oder Bekannte schon beschritten haben.

Flüchtlinge vom Westbalkan machen den Großteil der abgelehnten Asylbewerber aus

Asylbewerber aus den sechs Balkanstaaten Serbien, Montenegro, Bosnien-Herzegowina, Mazedonien, Kosovo und Albanien werden in fast jedem Fall abgelehnt. Das Bamf bearbeitet ihre Anträge im Schnellverfahren, sie sollen möglichst bald in ihre Herkunftsländer zurückkehren. Die Zahl der Bewerber vom Balkan ist dadurch in den vergangenen Monaten stark zurückgegangen.

Fast alle anderen haben gute Chancen auf Asyl: Ohne die Flüchtlinge vom Balkan liegt die Anerkennungsquote der übrigen Asylbewerber bei 93,5 Prozent.

Die meisten Flüchtlinge haben gute Chancen auf Asyl, müssen aber trotzdem lange darauf warten

Nahezu allen Bewerbern aus Syrien und dem Irak wird Asyl gewährt. Flüchtlinge aus Afghanistan, dem Iran und Eritrea werden zu 75 bis 99 Prozent anerkannt. Trotzdem müssen sie oft lange warten: Anträge von Syrern, Irakern und Bewohnern des Westbalkans werden priorisiert, deshalb dauert das Verfahren für alle anderen oft länger. So warten Iraner im Schnitt knapp eineinhalb Jahre, bis über ihren Asylantrag entschieden wird.

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hat seine Ziele bislang nicht erreicht

Das Ziel des Bamf ist es, die Verfahrensdauer für Asylanträge auf drei Monate zu senken. Zurzeit liegt sie im Schnitt bei fünf Monaten. Und die drei Monate Wartezeit, die Asylsuchende mindestens einplanen müssen, bis sie überhaupt einen Asylantrag stellen können, sind da noch nicht mitgerechnet. Die Außenstellen des Bamf sind zurzeit also schlicht überlastet. Deshalb wird das Personal aufgestockt.

Wie es weitergeht, hängt von den Staaten an der Balkanroute und von der Türkei ab

Ob die Zahl der Asylbewerber in Deutschland in den nächsten Monaten steigen wird, ist nicht klar. Länder wie Ungarn und Mazedonien, aber auch Slowenien und Kroatien riegeln ihre Grenzen mittlerweile ab und lassen nur noch wenige Menschen durchreisen. Flüchtlinge sammeln sich dadurch vor allem in Griechenland. In Deutschland könnte die Zahl der ankommenden Asylbewerber also stark sinken.

Für die weitere Entwicklung sind vor allem die Verhandlungen der EU mit der Türkei wichtig: Der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoğlu hat angeboten, alle neu in Griechenland ankommenden Flüchtlinge zurückzunehmen – dafür fordert er aber finanzielle Unterstützung. Außerdem soll die EU ebenso viele Flüchtlinge regulär einreisen lassen, wie die Türkei aus Griechenland übernimmt. Ob sich die EU und die Türkei auf ein solches Verfahren einigen, wird der EU-Gipfel in der kommenden Woche zeigen.

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