Merkwürdig, diese Einigkeit. Die AfD schreibt in ihrem Programmentwurf: "Fluchtursachen in den Herkunftsländern müssen bekämpft werden". Die große Koalition hat im vergangenen September den ersten Punkt in ihrem Flüchtlingspaket überschrieben mit "Fluchtursachen bekämpfen". Der Linke-Parteichef Bernd Riexinger forderte nach der Einigung zwischen EU und Türkei wörtlich das gleiche, und die Grünen reden sowieso schon seit Jahren davon.

Wie klar und präzise kann ein Konzept sein, das von der AfD ebenso vertreten wird wie von den Grünen? "Fluchtursachen bekämpfen" wird zum Mantra. In seiner Allgemeinheit steht es für nichts weniger als den Anspruch, die gesamte Welt lebenswert zu machen. Jeder soll dort glücklich sein, wo er ist. Dagegen kann natürlich niemand etwas haben, so wie niemand gegen den Weltfrieden ist.

Das ist der erste Grund für die allumfassende Beliebtheit der Forderung: Sie garantiert einhellige Zustimmung beim Publikum. Sobald man aber versucht, sie in die Praxis umzusetzen, wird es kompliziert. In Syrien beispielsweise scheitern Europa und USA seit Jahren daran, die dortige Fluchtursache, den Bürgerkrieg, erfolgreich zu bekämpfen. 

Für die Entwicklungspolitik, deren ureigene Aufgabe es ja ist, Lebensbedingungen zu verbessern, birgt die gegenwärtige Hochkonjunktur des Begriffs sogar Gefahren. Die Migrations- und Entwicklungsexperten Steffen Angenendt und Anne Koch von der Stiftung Wissenschaft und Politik nennen in einem Papier über das "Mantra der Fluchtursachenbekämpfung" gleich drei davon. Erstens: Projekte der Entwicklungszusammenarbeit, die gezielt die Flucht nach Europa verhindern, könnten nun den Vorzug erhalten vor Projekten, die allgemein das Leben vor Ort verbessern. "Zweitens könne das Mantra der Fluchtursachenbekämpfung überzogene Erwartungen an die Entwicklungszusammenarbeit wecken, die zwangsläufig enttäuscht werden", schreiben die Wissenschaftler. So wie beim Weltfrieden. 

Drittens: Der Verweis auf die Fluchtursachen könnte von der Notwendigkeit ablenken, die nationale und europäische Asylpolitik zu reformieren. Das ist auch der zweite Grund für die Beliebtheit des Fluchtursachen-Arguments. Es hilft manchen, die es nutzen, selbst bei der Flucht – nämlich vor der Frage, wie man mit denen umgehen soll, die schon hier sind oder auf dem Weg. 

Flüchtlingskrise - Sechs Monate "Wir schaffen das!“ Vor einem halben Jahr setzte die Bundesregierung die Drittstaatenregelung des Dublin III-Abkommens faktisch außer Kraft, mehrere Hunderttausend Flüchtlinge sind seitdem nach Deutschland gekommen. Eine Zwischenbilanz

Die Forderung dient auch auf der zeitlichen Ebene der Entlastung. Denn der Fluchtursachen-Konsens wird ja erst jetzt populär, da es eigentlich zu spät ist. Mit Mikrokrediten, Brunnenbau und Aktionsplänen zur Korruptionsbekämpfung bekommt man keinen einzigen syrischen Flüchtling zurück in sein Land. In dieser Hinsicht ist das Reden von den Fluchtursachen der entlastende Verweis auf eine bereits verkorkste Vergangenheit, an der man nun auch nichts mehr ändern kann. 

Es ist komplizierter

Das funktioniert noch auf einer weiteren Ebene. Die Fluchtursachen liegen immer in den Herkunftsländern und damit höchstens unter indirektem Einfluss zum Beispiel deutscher Politik. Wie sollten sie – oder die UN, die EU, die USA – die globalen Lebensverhältnisse steuern? Eine Weltregierung gibt es nicht, die nationale Entwicklungspolitik kann nur Angebote machen, Diplomatie allenfalls Druck ausüben. Das bedeutet: Der Kampf gegen die Fluchtursachen kann gar nicht von denen gewonnen werden, die ihn fordern.

Deshalb ist das Ziel nicht falsch, Menschen ein besseres Leben dort zu ermöglichen, wo sie gerade sind. Es ist nur leider komplizierter.

Zum Beispiel beim Klimawandel: Er dürfte in Zukunft eine der wichtigsten Fluchtursachen sein, weshalb es kontraproduktiv ist, wenn die AfD an anderer Stelle in ihrem Programm die Förderung erneuerbarer Energien abschaffen will.

Beispiel Rüstungsexporte: Sie zu verbieten ist der Kern der linken Fluchtursachen-Politik. Nun hat es aber den Kurden im Nordirak und teilweise in Syrien bei der Verteidigung ihrer Gebiete gegen den IS durchaus geholfen, Waffen auch aus Deutschland zu bekommen. Sonst wären sie in noch größeren Zahlen vertrieben worden und in Europa gelandet. Wie wägt man diesen Nutzen mit dem Schaden ab, den die Waffen vielleicht später noch anrichten werden?

Beispiel Freihandel: Die so genannten Wirtschaftsflüchtlinge sind die Kehrseite einer globalen Ökonomie, die schon allein deshalb Verlierer produzieren muss, weil sie auf Wettbewerb ausgerichtet ist. Wer bessere Lebensbedingungen für afrikanische Bauern und Farmer will, muss über europäische Zölle reden und Agrarsubventionen, die wiederum den Bauern hier ein Auskommen nach aktuellen europäischen Standards ermöglichen.

Es gilt also: Die Bekämpfung von Fluchtursachen ist nicht umsonst zu haben. Sie geht, wie jede Politik, auf Kosten anderer Interessen. Die Wurzelbehandlung, die sich in der Flüchtlingspolitik alle wünschen, ist also schmerzhaft. Über diese Schmerzen aber wird nicht so gern gesprochen.