Ratspräsident Donald Tusk hat eine Vielfliegerwoche hinter sich. In seinem Einladungsschreiben an die Chefs der 28 EU-Mitgliedsstaaten zum Türkei-Sondergipfel berichtet er, wie er bei Besuchen in den Hauptstädten der Balkanroute sowie einem Treffen mit dem türkischen Ministerpräsidenten Ahmet Davutoğlu in Ankara und Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan in Istanbul alle Beteiligten auf dasselbe Ziel einzuschwören versuchte: auf ein Ende der Politik des "Durchwinkens".

Dabei, schreibt Tusk, sei er auf viel Zustimmung gestoßen. Die Westbalkanländer – auch diejenigen, die nicht zur EU gehörten – seien bereit und entschlossen, die gemeinsam vereinbarten Regeln wieder anzuwenden. "Am Montag sollten wir diesen Ansatz bestätigen. Damit werden wir die Westbalkanroute schließen, die mit 880.000 Flüchtlingen 2015 und bereits 128.000 in den ersten zwei Monaten dieses Jahres das Haupteinfallstor gewesen ist."

Er sei "vorsichtig optimistisch", denn er sehe zum ersten Mal seit Beginn der Krise einen "europäischen Konsens entstehen", schreibt Tusk in seinem Einladungsbrief. Doch aufschlussreicher als die aufgezählten Erfolge seiner Reisediplomatie sind die Rückschläge, die er unerwähnt lässt: Weder in Budapest noch in Sofia wurde Tusk empfangen, obwohl Ungarn und Bulgarien potenzielle Transitländer auf der Balkanroute sind. Während Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer am Freitag mit Victor Orbán in Budapest Gleichklang in der Abriegelungspolitik demonstrierte, weilte Tusk in Istanbul. Vom türkischen Präsidenten Erdoğan wurde er dort zwar freundlich willkommen geheißen, aber mit einer drastischen Botschaft zurück nach Brüssel geschickt. Erdoğan ließ am selben Tag die regierungskritische Zeitung Zaman stürmen und unter staatliche Aufsicht stellen.

Seither warnt nicht nur Pro Asyl vor der Zusammenarbeit mit einem Regime, das im Verdacht steht, an der syrisch-türkischen Grenze auf Flüchtlinge zu schießen. Guy Verhofstadt, der liberale Fraktionsführer im Europaparlament und Freund blumiger Formulierungen, fordert die Regierungschefs auf, nicht "ihre Seele an die Türkei zu verkaufen". Die Einschränkung der Pressefreiheit müsse auf die Tagesordnung des Türkei-Gipfels. Es sei naiv zu glauben, man könne "unsere Probleme in die Türkei outsourcen. Wir akzeptieren leere Versprechen wie die Rücknahme aller nichtsyrischen Migranten – in ein Land, das Journalisten ins Gefängnis wirft und auf beunruhigende Weise mit den Bürgerrechten verfährt".

Dieses Unbehagen teilen bürgerlich-liberale Politiker wie Donald Tusk oder Angela Merkel ganz sicher. Sie stehen aber unter einem so gewaltigen Druck, die Flüchtlingszahlen zu senken, dass ihnen die Zusammenarbeit mit Erdoğan als das deutlich kleinere Übel scheint. Der Preis dafür ist hoch. Er besteht nicht nur darin, die Menschenrechtsverletzungen unkommentiert zu lassen, zur Kurdenverfolgung zu schweigen und an die Kontrolle der geplanten drei Milliarden Euro Flüchtlingshilfe für in der Türkei lebende Syrer keine allzu strengen Maßstäbe anzulegen. Erdoğan will gleichberechtigt am Tisch der Demokraten sitzen. Er verlangt Visafreiheit und eine deutliche Beschleunigung der Beitrittsverhandlungen zur EU.

Zum Mittagessen mit den EU-Chefs am heutigen Montag wird er, wie schon zum letzten Türkei-Gipfel im November, seinen stetig lächelnden, sich moderat gebenden und auf Englisch parlierenden Ministerpräsidenten Davutoğlu schicken. Der wird freundlich verpacken, was sein Chef in Ankara von der EU verlangt.