Im Schatten von Angela Merkels Flüchtlingspolitik: CSU-Chef Horst Seehofer ist unzufrieden. © Michael Kappeler/dpa

Kaum einen Tag ist das Flüchtlingsabkommen mit der Türkei in Kraft, da fordert CSU-Chef Horst Seehoferschon eine neue Abstimmung im Bundestag. "Das ist kein Durchbruch, sondern ein Zwischenschritt auf dem Weg zu einer nachhaltigen europäischen Lösung", sagte er der Bild am Sonntag. Die Flüchtlinge ließen sich unterdessen von einer geplanten Zwangsrückführung nicht abhalten und setzten weiterhin zu Hunderten nach Griechenland über. Nach Angaben des Krisenstabes in Athen kamen in der Nacht zum Sonntag 875 Menschen von der Türkei nach Griechenland. Am Samstag waren es 1.498, am Freitag 670. Die Grünen forderten die Bundesregierung auf, die im griechischen Grenzort Idomeni gestrandete Flüchtlinge in Deutschland aufzunehmen.

Der bayrische Ministerpräsident ist seit Monaten einer der schärfsten Kritiker von Angela Merkels Flüchtlingspolitik und hat ihre Vereinbarungen auf EU-Ebene bereits mehrfach kritisiert. Seehofer fürchtet nun, "dass Deutschland wieder die Hauptlast bei der Aufnahme der Flüchtlinge trägt". Zugeständnisse an die Türkei lehnte Seehofer weitgehend ab. Eine Vollmitgliedschaft der Türkei in der EU oder eine komplette Visafreiheit würde es mit der CSU in der Bundesregierung nicht geben. "Sonst importieren wir die inneren Probleme der Türkei nach Deutschland." Neben dem neuen EU-Abkommen solle der Bundestag auch über die deutsche Flüchtlingspolitik abstimmen. Eigentlich ist der Vertrag zwischen der EU und der Türkei im Bundestag nicht zustimmungspflichtig, Seehofer ist jedoch der Ansicht, mit einer Abstimmung werde das Vertrauen in die Parlamente gestärkt.  

Anfangsschwierigkeiten und Personalmangel

Griechenland steht derweil vor ganz anderen Schwierigkeiten. "So ein Plan lässt sich nicht in 24 Stunden in die Tat umsetzen", betonte ein Sprecher des nationalen Krisenstabes im griechischen Fernsehen. Zur Umsetzung des Paktes fehlen dem Land laut EU-Kommission noch Hunderte zusätzliche Fachkräfte und Dolmetscher zur Bearbeitung von Asylanträgen. Die Brüsseler Behörde und die Bundesregierung stellten rasche Hilfe in Aussicht. 

In der Türkei wurden einem Medienbericht zufolge bereits mehr als 3.000 Flüchtlinge an der Überfahrt nach Griechenland gehindert. Alleine im Bezirk Dikili in der Provinz Izmir seien am Samstag fast 2.000 Migranten in Gewahrsam genommen worden, berichtete der Sender CNN Türk. Ein Teil sei vorübergehend in einer Sporthalle festgehalten worden. Einige Flüchtlinge hätten dagegen protestiert und Scheiben eingeschlagen. Sie stammten aus Syrien, dem Irak und Afghanistan.

EU-Abkommen - Flüchtlinge reisen weiterhin nach Griechenland Auf der griechischen Insel Lesbos sind am Sonntagmorgen die ersten Flüchtlingen aus der Türkei angekommen. Nach dem EU-Abkommen sollen sie wieder in das Land zurückgeschickt werden.

Die Vereinbarungen zur Reduzierung der Flüchtlingszahlen wurden am Freitag zum Abschluss des EU-Gipfels getroffen. Die Übereinkunft sieht vor, dass alle Flüchtlinge, die ab Sonntag illegal von der Türkei nach Griechenland übersetzen, ab 4. April zwangsweise in die Türkei zurückgebracht werden können. Vorher haben die Migranten jedoch das Recht auf eine Einzelfallprüfung in Griechenland. Nur wer nachweisen kann, dass er in der Türkei verfolgt wird, darf bleiben. In den Tagen nach dem 4. April soll dann die Umsiedlung von maximal 72.000 syrischen Bürgerkriegsflüchtlingen aus der Türkei nach Europa beginnen. Offen ist, wie viele Deutschland aufnimmt.

Vertreter der griechischen Küstenwache klagten am Sonntag über offene Fragen bei der Umsetzung des Flüchtlingspaktes. So sei etwa unklar, was geschehen solle, wenn sich eine Menge von 500 oder 1.000 Menschen weigern sollte, an Bord von Schiffen zu gehen, die sie zurück in die Türkei bringen sollen. "Wir tappen in Zusammenhang mit den Modalitäten im Dunkeln", sagte ein Offizier der Küstenwache der Deutschen Presse-Agentur.

Im provisorischen Auffanglager von Idomeni an der Grenze zu Mazedonien halten sich nach Zahlen des Krisenstabes rund 12.000 Menschen auf. Sie stecken dort fest, nachdem die Balkanstaaten am 9. März ihre Grenzen endgültig für Migranten ohne gültige Reisepapiere und Visa geschlossen hatten.

Flüchtlinge weichen auf neue Routen aus

Nach den Grenzschließungen der Länder auf dem Balkan und der EU-Türkei-Einigung ist die sogenannte Balkanroute für Flüchtlinge endgültig geschlossen. Es wird erwartet, dass Schutzsuchende nun versuchen, auf andere Wege nach Mitteleuropa auszuweichen. Am Samstag retteten spanische, italienische und deutsche Marineschiffe 798 in Seenot geratene Bootsflüchtlinge vor der libyschen Küste.

Libyen droht damit wieder ein Brennpunkt in der Flüchtlingskrise zu werden. Die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini befürchtet einem Bericht von Politico zufolge, dass sich mehr als 450.000 Flüchtlinge aus dem Bürgerkriegsland auf den gefährlichen Seeweg über das Mittelmeer nach Europa machen könnten.