Landesweit gingen Hunderttausende in Frankreich gegen die geplante Arbeitsmarktreform auf die Straße, wie hier in Paris. © Thomas Samson/AFP/Getty Images

Schon am Morgen läuft die Ansage durch alle Pariser U-Bahn-Stationen: "Aufgrund einer sozialen Bewegung bleibt die Station Republique heute bis ungefähr 18 Uhr gesperrt". Das hat es lange nicht mehr gegeben: Frankreichs Jugend geht auf die Straße, gefolgt von den Gewerkschaften.

Am Nachmittag ist der große Platz der Republik in Paris voller Menschen, den Veranstaltern zufolge sind es 80.000 Demonstranten, die Polizei zählt 29.000. Das macht hier zwar noch keine richtige Groß-Demo. Dafür aber sind es normale Studenten, unorganisiert, in Jeans und Anorak, manche von ihnen tragen selbst bemalte Tafeln. Eine Jugend, die sich die letzten Jahre politisch hinterm iPhone versteckte. Nun aber protestieren Studenten und Gewerkschafter gleichzeitig an 250 Orten im Land. Landesweit sind es laut Polizei 224.000 Menschen, die Veranstalter sprechen gar von einer halben Million Demonstranten. Dazu gibt es Umfragen, wonach 50 Prozent der Franzosen den Protest sympathisch finden, nur 25 Prozent lehnen ihn ab.

Alle eint der Protest gegen das neue Arbeitsgesetz von Präsident François Hollande. Es soll Kündigungen erleichtern, indem es die Höchstsumme für Abfindungen nach der Kündigung drastisch begrenzt. Zudem sollen die Bedingungen für betriebsbedingte Kündigungen gelockert werden. "Der Unternehmer darf nicht mehr Angst vor Neueinstellungen haben, weil er Entlassungen in der Zukunft fürchtet", begründete Premierminister Manuel Valls das neue Gesetz.

"Das bedeutet soziale Unsicherheit für alle", antwortet ihm am Mittwoch die 22-jährige Pariser Politikstudentin Clemence Leduc auf dem Platz der Republik. Sie hat sich ihr Mittagessen in einer Plastiktüte selbst mitgebracht. "Arbeitsgesetz, du bist verloren, die Jugend ist auf der Straße", singen die Kommilitonen um Clemence. Dabei ist sich die Studentin durchaus der Argumente der Gegenseite bewusst: Gerade Jugendliche und Arbeitslose, die Arbeit suchen, bleiben aufgrund des starken Kündigungsschutzes bisher chancenlos, schrieben eine Reihe angesehener Ökonomen, darunter der französische Wirtschaftsnobelpreisträger Jean Tirole, kürzlich in einem Aufruf für das Gesetz. Clemence hat den Aufruf gelesen.

"Für Ökonomen wie Tirole, die global denken, ist die Unsicherheit am Arbeitsplatz völlig normal. Sie existiert weltweit", analysiert die junge Studentin. "Aber uns wird mit dem neuen Gesetz auch die letzte Hoffnung genommen, dass wir dieser Unsicherheit in unserem Leben noch einmal entkommen können." Dabei sei sie gar nicht gegen die Globalisierung. "Wir dürfen nur nicht aufgeben, Regeln für die Globalisierung festzuschreiben", sagt Clemence.

Beugt sich die Regierung erneut der Jugendrevolte?

Es sind also nicht nur linke Studentengruppen und Gewerkschaften auf der Straße. Clemence jedenfalls zählt nicht zu ihnen. Gerade deshalb aber ist die französische Regierung hochbesorgt: "Man muss bei Jugenddemonstrationen immer aufpassen. Man weiß nie, was aus ihnen wird", warnte Präsident Hollande vor wenigen Tagen im kleinen Kreis seiner Berater. Tatsächlich musste sich in den vergangenen 30 Jahren eine Pariser Regierung nach der anderen dem Protest der Straße fügen: 1986, 1994, 1995, 2006 – jedes Mal erstickten Jugendrevolten begleitet von den Gewerkschaften ambitionierte Reformprojekte. Doch muss sich die Geschichte 2016 wiederholen? 

Premierminister Valls verhandelte in den vergangenen Tagen bereits mit einem Teil der Gewerkschaften über eine Neufassung des Gesetzes. Gut möglich also, dass die Regierung einen Rückzieher plant und die Proteste damit im Keim ersticken will. Damit würde sie freilich auch ihre Glaubwürdigkeit riskieren. Andererseits: Bleibt sie hart, könnte ihr ein heißes Frühjahr bevorstehen. Denn natürlich geht es der Jugend nicht nur um das Arbeitsgesetz.

"Ich habe Angst, dass wir einfach alle unsere Werte aufgeben", sagt die Politikstudentin Clemence – und denkt an Frankreichs peinliche Flüchtlingspolitik: "Wir nehmen ja nicht mal Tausende, sondern nur Hunderte syrischer Flüchtlinge auf", schämt sie sich. "Politisch unberechenbar" sei diese Jugend heute, bemerkt die Jugendexpertin Anne Muxel vom Pariser Forschungszentrum Cevipof. Unberechenbar sind für Präsident Hollande deshalb auch die nächsten Wochen: Es kann gar nichts passieren oder ein großer Teil der Franzosen richtig wütend werden. Die Krux: Je schwächer der Präsident, desto abenteuerlustiger das Volk. Und Hollande ist derzeit alles andere als beliebt in Frankreich. Weitere Demos sind schon jetzt am Samstag, am 17. und am 31. März geplant.