Flüchtlinge in der Nähe von Idomeni © Stoyan Nenov/Reuters

An der griechisch-mazedonischen Grenze zeigt sich, was passiert, wenn Europa in der Flüchtlingskrise auf nationale Lösungen setzt. Allein im Lager Idomeni sitzen nach der Schließung der Balkanroute mehr als 12.000 Menschen fest. Sie kampieren dort seit Tagen bei Regen und Kälte in Zelten im Schlamm.

In der Region arbeiten Hunderte freiwillige Helfer, um die Not der Flüchtlinge zu lindern. Eine von ihnen ist Lucy Pitt. Als die Krankenschwester aus dem englischen Brighton die Bilder aus Idomeni sah, beschloss sie, zu helfen. Seit Tagen fährt sie im Auftrag einer kleinen Organisation zwischen den Lagern in der Region hin und her und behandelt kranke Menschen. Am Abend fragt sie sich durchgefroren, wie die Menschen die Zustände jeden Tag ertragen können.

ZEIT ONLINE: Frau Pitt, wie ist die Lage in Idomeni?

Lucy Pitt: Die Zustände sind unmenschlich. In den Zelten ist es kalt, teilweise sind sie undicht. Überall sind kranke Kinder. Wegen des Regens und des Schlamms hat kaum jemand trockene Füße. Bei Evzoni gibt es ein kleineres Lager, wo sich vor allem Kurden aufhalten. Dort gibt es nicht einmal Toiletten. Da es sich um ein inoffizielles Camp handelt, kümmert sich niemand um die Menschen dort. Ein UNHCR-Mitarbeiter sagte, er habe schon viele Flüchtlingslager weltweit gesehen, aber Idomeni sei das schlimmste.

ZEIT ONLINE: Sie helfen als Krankenschwester in der Region aus. Wie gestaltet sich die medizinische Versorgung?

Pitt: Viele Menschen sind krank. Wir behandeln vor allem Lungenentzündungen, Mittelohrentzündungen, andere Atemwegserkrankungen und Fieber. Es gibt viele Babys, Kinder und schwangere Frauen. Sie sind besonders betroffen. In der Nacht war ich in einem Krankenhaus in Kilklis und habe einer Schwangeren geholfen, die möglicherweise einen Kaiserschnitt braucht. Nach der Untersuchung mussten wir sie wieder ins Lager bringen. Ihr Zelt war kurz nach Mitternacht bitterkalt und nass. Wir haben ihr angeboten, ihr ein Hotelzimmer zu bezahlen, doch sie hat abgelehnt. Das sind stolze Menschen, die keine Almosen wollen.

Idomeni - Flüchtlinge kritisieren Vorgehen mazedonischer Grenzschützer Mazedonien hat nach eigenen Angaben rund 1.500 Migranten, die versucht hatten über die grüne Grenze zu kommen, nach Griechenland zurückgeschickt. Im Notlager Idomeni sitzen weiter mehr als 12.000 Menschen fest.

ZEIT ONLINE: Wissen Sie von Todesfällen?

Pitt: Ich habe von den Toten bei der Flussüberquerung gehört. Eine Frau hat in einem Krankenhaus ihr Baby verloren. Ich bin sicher, dass es in den Camps noch mehr Tote geben wird, wenn die Menschen dort unter diesen Bedingungen noch länger bleiben müssen.

ZEIT ONLINE: Helfern wird vorgeworfen, sie hätten die Menschen zur gefährlichen Überquerung des Flusses angestiftet.

Pitt: Ich weiß nicht, weshalb sie die Überquerung gewagt haben. Aber wenn ich langsam auf einem Feld in Griechenland sterben würde, würde ich mit meiner Familie auch versuchen, zu fliehen.

ZEIT ONLINE: Was tun Sie in Ihrer täglichen Arbeit, um zu helfen?

Pitt: Wir untersuchen die Menschen und geben ihnen Antibiotika und andere Medizin. Insgesamt ist die medizinische Versorgung aber sehr schlecht. Die Flüchtlinge werden gezwungen, wie Tiere zu leben.

ZEIT ONLINE: Was brauchen die Menschen am dringendsten?

Pitt: Vor allem mehr Unterkünfte. Die Kälte ist ein großes Problem. Auch Kleidung und Schuhe fehlen. Aber auch andere Dinge sind wichtig: Die Flüchtlinge werden schlecht informiert, sie haben kein Vertrauen mehr.

ZEIT ONLINE: Wie verhalten sich die griechischen Behörden?