Die Attentäter von Brüssel waren polizeibekannt, dennoch konnten die Sicherheitsbehörden die Anschläge nicht verhindern. © Geert Vanden Wijngaert/Pool/Reuters

Der "Islamische Staat" hat sich zu den Anschlägen von Brüssel bekannt. Zumindest gibt es ein Bekennerschreiben, auch eine arabische Version. Die Authentizität der Mitteilung konnte noch nicht geklärt werden, aber der bisher bekannte Hintergrund der Täter gibt Anlass dafür, eine Verbindung zum IS zu erkennen. Nur: Welche Terrorstrategie verfolgt der IS eigentlich? Der "Islamische Staat" ist keine religiöse Sekte. Anders als Al-Kaida, aus deren Organisation der IS im Irak hervorgegangen ist, versteht er sich vor allem als dschihadistisches Staatsprojekt mit eigenem Territorium. 

Acht Millionen Menschen in Syrien und Irak leben unter IS-Herrschaft, auch wenn das Gebiet im vergangenen Jahr durch internationale Luftschläge, kurdische Truppen und die irakische Armee um zwanzig Prozent kleiner geworden ist. Gleichzeitig verfolgen die selbst ernannten Kalifatskrieger aber globale Ambitionen. Ihre Bekennerschreiben verfassen sie in einem Dutzend Sprachen.

Ihre Anziehungskraft aus exzessiver Brutalität und Männlichkeitskult scheint ungebrochen – auch in Europa, wo sich ein neuer Typ von Dschihadist herausschält, bei dem sich die Grenzen zwischen islamistischem Extremismus und organisiertem Verbrechen verwischen. Auffallend viele der bisher in Paris und Brüssel identifizierten IS-Täter haben eine kriminelle Karriere hinter sich, wie offenbar auch das polizeibekannte Brüderpaar, das zu den Attentätern in der EU-Hauptstadt gehört.

Straßendiebe, Drogenhändler, kleine Ganovenbosse

Ihre verbrecherischen Fähigkeiten erwarben sie im Mafiamilieu, bevor sie für den "Islamischen Staat" auf Mordmission gingen. Extremismusforscher Peter Neumann vom King’s College in London nennt diese Amalgamierung von Kriminalität und Islamismus "einen operativen Aspekt des IS".

Nach Erkenntnissen der Polizei in Frankreich und Belgien werden mehr und mehr Straßendiebe, Drogenhändler oder kleine Ganovenbosse von dem selbsternannten Kalifen Abu Bakr al-Baghdadi angezogen. Die Gefängnisse beider Nationen gelten als Brutstätten des islamistischen Extremismus. Die Zahl der muslimischen Insassen ist überproportional hoch. Die meisten der Inhaftierten fühlen sich von der Gesellschaft diskriminiert und sind entsprechend empfänglich für die neue apokalyptische Terrorlehre.

Doch anders als im herkömmlichen radikal-muslimischen Milieu, werden die IS-Konvertierten nicht "durch das Licht des Islam" geläutert, sondern bleiben ihrer kriminellen Szene treu. "Diese Verbindung mit der kriminellen Welt, das gab es bei Osama bin Laden nicht", erläuterte Mohammad-Mahmoud Ould Mohamedou, Vizechef des Zentrums für Sicherheitspolitik in Genf. "Dort existierte ein ganz bestimmter Fundamentalismus innerhalb des Terrors."