Noch nie seit Tunesiens Unabhängigkeit hat es so etwas gegeben. Von einem "beispiellosen Angriff" sprach Präsident Béji Caïd Essebsi und schwor im Staatsfernsehen, "diese Ratten zu vernichten". Über 50 Dschihadisten des "Islamischen Staates" in Libyen waren an dem Überfall auf das tunesische Städtchen Ben Guerdane kurz hinter der Grenze beteiligt. Die Regierung in Tunis vermutet, dass der IS damit einen ersten dschihadistischen Brückenkopf auf tunesischem Staatsgebiet schaffen wollte. Nach stundenlangen Kämpfen gelang es der Armee, die Angreifer zurückzuschlagen. Über 40 Extremisten starben sowie zwölf Soldaten und sieben Zivilisten, darunter ein 12-jähriger Junge. Seitdem ist die Grenze geschlossen und in der Region nahe Libyen gilt eine nächtliche Ausgangssperre.

Der Angriff zeige einmal mehr, wie gravierend die Bedrohung für Tunesien geworden sei, erklärte die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini. Auch auf der europäischen Seite des Mittelmeers wachsen die Sorgen, seit die jüngsten amerikanischen Geheimdienstzahlen von 5.000 bis 6.500 IS-Kämpfern auf libyschem Gebiet sprechen – also doppelt so viele wie noch vor einem halben Jahr.

Westliche Staaten haben begonnen, gegen den IS in Libyen vorzugehen – allerdings nur in kleinem Maßstab. Spezialeinheiten aus Frankreich, Italien und Großbritannien operieren bereits seit Monaten in dem Post-Gaddafi-Staat, in dem der IS um die Stadt Sirte herum einen 300 Kilometer langen Küstenstreifen kontrolliert. Die Elitesoldaten sollen Informationen sammeln über die Stärke und Präsenz des IS sowie Verbindungen knüpfen zu örtlichen Milizen, die gegen die Extremisten kämpfen. In den USA legte das Pentagon dem Weißen Haus jetzt erstmals detaillierte Pläne für Luftschläge gegen 30 bis 40 Trainingslager, Kommandozentralen und Munitionsdepots in dem Gebiet vor. Das berichtet die New York Times.

Zwei Parlamente, zwei Regierungen

Doch bisher hält Präsident Barack Obama den Einsatzbefehl zurück. Er will die Bemühungen des UN-Vermittlers Martin Kobler um eine Regierung der nationalen Einheit in Libyen nicht hinterlaufen. Das Land hat aktuell zwei Parlamente und auch zwei Regierungen, eine im Westen und eine im Osten. Kobler warnte unlängst davor, die "sehr intensiven" Aversionen libyscher Politiker gegen eine ausländische Einmischung noch weiter anzustacheln. Eine gemeinsame, gesamtstaatliche Regierung ist aktuell aber ebensowenig in Sicht wie ein koordiniertes Vorgehen bewaffneter Milizen gegen die IS-Kämpfer.

Andererseits wollen die Vereinigten Staaten und ihre europäischen Verbündeten nicht warten, bis der IS am Südrand des Mittelmeers so weit gewachsen ist und sich stabilisiert hat, dass ihm nur noch durch eine größere Militärinvasion beizukommen ist. "Wenn immer es eine Gelegenheit gibt, gegen den IS vorzugehen, ohne den politischen Prozess zu unterlaufen, werden wir das tun", erläuterte US-Oberbefehlshaber General Joseph F. Dunford Jr. die gegenwärtige Strategie.

Und so bombardierten US-Kampfflugzeuge im Februar ein IS-Ausbildungslager nahe der westlibyschen Küstenstadt Sabratha und töteten 41 Radikale, darunter auch einen tunesischen Kommandeur der Terrormiliz. Frankreich verlegte seinen Flugzeugträger Charles de Gaulle vom Persischen Golf in das Mittelmeer. Tunesien baut mit EU-Hilfe einen 250 Kilometer langen Grenzzaun zu Libyen, der künftig das Eindringen der Gotteskrieger verhindern soll. Italien gestattet seit Kurzem den USA, Drohnen über eine Luftwaffenbasis auf Sizilien zu steuern. Doch von einer massiven westlichen Militärintervention will die Regierung in Rom bislang nichts wissen. "Das ist keine Lösung", erklärte Außenminister Paolo Gentiloni am Mittwoch vor dem Senat. "Libyen ist sechsmal größer als Italien und hat bei Armee und Milizen insgesamt 200.000 Mann unter Waffen."