Die gezielte Tötung eines verletzten Palästinensers durch einen Soldaten hat in Israel eine Kontroverse in der Regierung ausgelöst. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sprach von "empörenden und inakzeptablen" Versuchen, das Ethos der israelischen Armee anzuzweifeln. Erziehungsminister Naftali Bennett von der Siedlerpartei warf Netanjahu in einer Kabinettssitzung vor, die Soldaten nicht ausreichend zu unterstützen. Netanjahu sei daraufhin laut geworden und habe Bennett aufgefordert, ihm "nicht zu predigen", berichtete die Tageszeitung Haaretz. "Ich habe mehr Soldaten in die Schlacht geführt als Sie", soll Netanjahu gesagt haben.

Die israelische Bürgerrechtsgruppe B'Tselem hatte am Donnerstag ein Video veröffentlicht, das zeigt, wie der Soldat, ein sogenannter Kampfsanitäter, dem reglos am Boden liegenden Palästinenser in den Kopf schießt. Der Attentäter hatte zuvor mit einem anderen Palästinenser einen Soldaten mit einem Messer angegriffen und verletzt. Auch der zweite Angreifer wurde erschossen. Sarit Michaeli, Sprecherin von B'Tselem, nannte die Aktion in Hebron im Westjordanland "eine Exekution". Der örtliche UN-Koordinator Nikolaj Mladenow bezeichnete die Tat als grausam, unmoralisch und ungerechtfertigt.

Der Soldat, der den Palästinenser vor laufender Kamera erschossen hatte, wurde festgenommen. Er wurde am Freitag dem Haftrichter vorgeführt und steht nach Medienberichten unter Mordverdacht. Die Armee wies seine Darstellung zurück, er habe geschossen, weil er befürchtet habe, der Palästinenser könnte einen Sprengsatz tragen. Die ersten Ermittlungsergebnisse ergaben, dass ein Truppführer den Verletzten bereits untersucht hatte und klar war, dass er ungefährlich war. Andere Soldaten und ein Kommandeur sagten zudem laut dem israelischen Armeeradio aus, der Schütze habe vor und nach der Tat erklärt: "Der Terrorist verdient es, zu sterben."

"Die Guten und die Bösen"

Erziehungsminister Bennett kritisierte die Festnahme des Soldaten scharf. Man habe offenbar vergessen, "wer die Guten und wer die Bösen sind". Bennett übernahm die Verteidigungslinie der Anwälte des Schützen, die vorgaben, dieser habe geglaubt, der angeschossene Attentäter habe vielleicht einen Sprengstoffgürtel getragen. "Er ist kein Mörder. Wir sind im Krieg, einem Krieg gegen brutalen Terror", schrieb Bennett auf seiner Facebook-Seite.

Netanjahu hatte kurz nach dem Vorfall von einem Verstoß gegen die Einsatzregeln gesprochen. Der israelische Verteidigungsminister Mosche Jaalon und Generalstabschef Gadi Eizenkot sicherten zu, der Fall werde mit äußerster Genauigkeit untersucht. Im Raum Tel Aviv tauchten am Wochenende Hunderte Plakate auf, die den Rücktritt von Eizenkot forderten, der Jaalon und Netanjahu gleich mitnehmen solle.

In den vergangenen sechs Monaten hatten Palästinenser mehr als 300 Israelis angegriffen, zumeist mit Stichwaffen. Zahlreiche Angreifer wurden am Tatort erschossen. In mehr als einem Dutzend Fällen wurde den israelischen Sicherheitskräften eine unverhältnismäßige Gewaltanwendung gegen kampfunfähige Palästinenser vorgeworfen. Sofern in solchen Fällen Untersuchungen eingeleitet wurden, folgten bislang bei keinem Beschuldigten Konsequenzen.