Der damalige FPÖ-Chef Jörg Haider im Jahr 1999 © Roland Schlager/EPA/dpa

Als Österreich im Jahr 1999 unter Haider litt, nein, als 73 Prozent der wählenden Bevölkerung unter ihm litten, der Rest aber jauchzte, da hörte ich von deutscher Seite oft die Besorgnis: Was, wenn so einer bei uns auftaucht? Könnte das bei uns nicht noch schlimmer kommen? Ich beruhigte Gesprächspartner mit dem Hinweis auf die unterschiedliche Nachkriegsgeschichte: Die Bundesrepublik hatte sich mit den Geschehnissen zwischen 1933 und 1945 auseinandergesetzt, Österreich hatte seine Rolle darin bis 1986 verdrängt. Dann kamen der Streit um den vergesslichen Bundespräsidenten Kurt Waldheim. Und Haider.

Heute kann man sagen, Jörg Haider war ein österreichischer Spezialfall. Zugleich ist die Art seines politischen Protests weltweit zum Normalfall geworden.

Das Spezielle an Haider war seine Einbettung in den österreichischen Nachkriegszusammenhang. Als Kind treudeutscher, nationalsozialistischer Eltern wandte er sich an deren soziale Umgebung, also an die alten Unverbesserlichen. Als Politiker musste er erkennen, dass er damit inmitten des auf Sport, Landschaft und Hochkultur beruhenden neuen patriotisch-österreichischen Konsenses die alpin gesonnene und gesonnte Jugend verfehlte, die im Zielraum des Skiorts Kitzbühel grölte, die Backen rotweißrot geschminkt. Also änderte Haider sein Programm, schaltete um auf österreichischen Chauvinismus und schwor der "Deutschtümelei" ab, den alten Nazis, nicht ohne da und dort ein kaum verhohlenes Signal an sie zu senden.

Deswegen wurde er, vielleicht sogar wegen seines Schwenks, nach wie vor als dämonisch und gefährlich empfunden. Die Wirkung dieses eloquenten Volkstribunen stammte auch von seinen Auftritten auf öffentlichen Plätzen und in Bierhallen, wo er diesen gewissen drohenden Ton des Umsturzes in seinen Reden anklingen ließ, der die Underdogs dieser Erde stets erbeben lässt.

Im gemütlichen Konsensparadies, im Österreich des ausgehenden 20. Jahrhunderts, war man so etwas nicht gewohnt. Die großen Parteien regelten alles untereinander. Das Publikum empfand diese permanente große Koalition als so erstickend, dass eine Art von Protest, die zugleich bieder, elterntauglich und hetzerisch auftrat, wie ein Brandsatz wirkte. Jörg Haider kam rüber wie ein Popstar, und wie alle Popstars bezog er seine Sexyness nicht aus Gemütlichkeit, sondern aus dem gewissen Schuss Dämonie, in seinem Fall aus seinen Appellen an Umsturz im Zeichen einer unaussprechlichen Vergangenheit.

Landtagswahlen - Soll man die AfD ausgrenzen? Jetzt sitzt die AfD also in drei weiteren Landtagen. Andere Parteien dürften sie nicht länger ignorieren, sagen viele. Wirklich nicht?

Manche Medien entdeckten Haiders Zugkraft durch Zufall. Hubertus Czernin, der verstorbene Herausgeber des Nachrichtenmagazins Profil, erzählte mir, zuerst hätten er und seine Kollegen gedacht, bei einer haiderkritischen Titelgeschichte hätten in gewissen Talschaften Funktionäre von Haiders FPÖ massenhaft das Magazin gekauft, um es aus dem Verkehr zu ziehen. Profil war auf einmal an Orten vergriffen, wo es noch nie vergriffen gewesen war.

Bald stellte sich der wahre Grund heraus. Eine Zeitlang verkaufte sich Haider besser als Sex. Wolfgang Fellner, damals Herausgeber der Illustrierten News, erkannte das am schnellsten und brachte ganze Serien von Haider-Titelblättern, garniert mit kritischen Berichten, die niemand las. Im öffentlich-rechtlichen Fernsehen filmte man Haider und seine Knaben-Entourage, die später großteils gerichtsnotorische sogenannte Buberl-Partie, am liebsten von unten, aus devoter Kameraperspektive, und verdammte die Knaben lustvoll im Kommentar. Die meisten Berichte in kritischer Absicht erlagen vollkommen dem bildlichen, Reichweite und Aufmerksamkeit verheißenden Appeal des Objekts ihrer Berichterstattung.

Um eine Geste des Einspruchs zu setzen, dekretierte ich ein Bildverbot für Haider im Falter, jener Wiener Wochenzeitung, deren Chefredakteur ich damals war und heute noch bin. Die Reichweite des Falter war im Vergleich zur Konkurrenz wenig bedeutend– er kam auf knapp 80.000 Leserinnen und Leser, Profil hatte fast zehnmal und die Krone vierzigmal so viele. Die anderen Medien zuckten nicht einmal mit den Achseln.