An bombastische Drohungen aus Pjöngjang hat sich die Welt gewöhnt. Wenn das nordkoreanische Regime jetzt dem Militär befiehlt, die Atomwaffen des Landes einsatzbereit zu machen, wenn es verkündet, die asiatischen Militärstützpunkte der "US-imperialistischen Aggressionskräfte" in "Flammenmeere" verwandeln zu wollen, dann löst das nur noch Schulterzucken aus: Kim schon wieder!

Es stimmt, auch diesmal wird es wohl beim Kriegsgeschrei bleiben. Aber von Mal zu Mal wird das größenwahnsinnige Fuchteln mit der Bombe ein wenig bedrohlicher, einfach weil die Zahl der Bomben und Raketen im Arsenal des Jungdespoten Kim Jong Un wächst. Im Januar hat Nordkorea seinen vierten Atomtest durchgeführt, im Februar erprobte es eine Langstreckenrakete unter dem Vorwand, einen "Erdbeobachtungssatelliten" ins All schießen zu wollen.

Konsequent baut Nordkorea sein Nuklearpotenzial aus. Alle Sanktionsbeschlüsse der Vereinten Nationen haben daran bisher nichts ändern können. Der Grund ist einfach: China will, bei allem Entsetzen über den unberechenbaren Kim, keinen Regimewechsel in Pjöngjang. Deshalb hat es den internationalen Sanktionsdruck durch fortgesetzte Erdöllieferungen so weit abgemildert, dass die Kim-Dynastie überleben kann.

Die Frage ist, ob sich das nun ändert. Vergangene Woche hat der UN-Sicherheitsrat einstimmig Sanktionen beschlossen, die Nordkorea weit härter treffen werden als frühere Resolutionen. Einstimmig, das heißt: Auch China und Russland haben zugestimmt. Weltweit soll jede Frachtlieferung von und nach Nordkorea, ob auf dem See- oder auf dem Luftweg, inspiziert werden. Das Land darf keine Kohle und kein Eisenerz mehr exportieren, auch die Ausfuhr von Gold und seltenen Erden wird verboten. Nordkorea könnte 40 Prozent seiner Exporterlöse verlieren, vorausgesetzt, die Beschlüsse werden tatsächlich umgesetzt.

Macht die Volksrepublik diesmal Ernst? Mit scharfen Worten hatte Peking Nordkorea vor neuen Atom- und Raketentests gewarnt. Kim hat sich einen Dreck darum geschert; er weiß, dass die chinesische Führung den Kollaps seines Regimes und eine mögliche Wiedervereinigung Koreas unter Führung des Südens um fast jeden Preis vermeiden will. Die Heftigkeit, mit der China das Raketenabwehrsystem Thaad bekämpft, das die Amerikaner gern in Südkorea stationieren würden, muss Kim in seiner Haltung bestärken.

Aber er sollte sich seiner Sache nicht zu sicher sein. Eine aufstrebende Weltmacht wie China kann sich von einem Bankrotteur wie Kim Jong Un nicht auf der Nase herumtanzen lassen. Nordkorea wird immer mehr zum Testfall, ob China willens und fähig ist, weltpolitische Verantwortung zu übernehmen. Anders als in der Ukraine, im Iran oder in Syrien, sind seine Interessen in Nordkorea unmittelbar berührt. Versagt sein Konfliktmanagement hier, wären die Folgen gravierend. Japan würde aufrüsten und militärisch möglicherweise enger mit Südkorea zusammenarbeiten. In der ganzen Region würde sich der Rüstungswettlauf beschleunigen.

Die amerikanisch-südkoreanischen Militärmanöver, die in dieser Woche wieder begonnen haben, werden von Jahr zu Jahr größer, diesmal beteiligen sich 300.000 südkoreanische und 15.000 US-Soldaten; auch der Flugzeugträger John C. Stennis nimmt an der Übung teil. Und in Seoul wächst nach den jüngsten Provokationen Pjöngjangs die Bereitschaft, das Raketenabwehrsystem Thaad tatsächlich zu installieren.

All dies kann China nicht wollen. Deshalb dürfte es diesmal die Sanktionsbeschlüsse verlässlicher umsetzen als in der Vergangenheit. Aber es werden, wie immer, Schlupflöcher bleiben.

Es ist oft gesagt worden, Nordkoreas Wahnsinn habe Methode, denn sein Nuklearprogramm sichere dem Regime das politische Überleben. In Wahrheit besteht der Wahnsinn daran, ihn nicht als solchen zu erkennen. Den Kalten Krieg haben Ost und West nur mit einigem Geschick und sehr viel Glück überlebt. China sollte sich nicht darauf verlassen, dass ein Rüstungswettlauf in Nordostasien durch die gleiche kalte Logik eines Gleichgewichts des Schreckens zu beherrschen ist. Nicht, wenn der Gegenspieler Kim Jong Un heißt. Verglichen mit dessen Regime war der Kreml selbst zu Zeiten von Mauerbau und Kuba-Krise ein Hort der Vernunft.