Michail Lessin am 7. Oktober 2003, als er noch russischer Informationsminister war, auf der Frankfurter Buchmesse. Damals war Russland dort Gastland. © picture alliance/dpa

Es ist ein mysteriöser Tod und die Details des Falls kommen nur langsam ans Licht: Vergangenen November wurde Michail Lessin, ehemals enger Berater des russischen Präsidenten Wladimir Putin, in der US-Hauptstadt Washington leblos aufgefunden. Ein Herzinfarkt, hieß es damals. Doch vor zwei Tagen wurde ein Gutachten der Washingtoner Gerichtsmedizin bekannt, in dem stand, Lessin sei durch die Auswirkungen "stumpfer Gewalt" am Kopf gestorben. Auch an Nacken, Oberkörper, Armen und Beinen seien Verletzungen feststellbar.

Warum sie so lange brauchten, um das herauszufinden, dazu geben die Behörden keine Auskunft. Wie die New York Times berichtet, wurden die Verletzungen dem Mann zugefügt, bevor er in sein Hotelzimmer zurückkehrte. Jetzt blühen die Spekulationen: Wurde Lessin zu Tode geprügelt? War es ein Unfall? War er, offenbar ein starker Raucher und Trinker, schlicht in eine Kneipenschlägerei verwickelt, stürzte er einfach unglücklich – oder war sein Tod geplanter Mord?

Die russische Regierung reagierte verärgert auf die Veröffentlichung des gerichtsmedizinischen Befunds. Der Kreml erwarte vier Monate nach Lessins Tod rasch "detaillierte offizielle Informationen", sagte Sprecher Dmitri Peskow; auch der russische Generalstaatsanwalt Juri Tschaika forderte die US-Behörden auf, Details zur Verfügung zu stellen. Dem Moskauer Außenministerium zufolge hat die russische Botschaft in Washington schon mehrere Anfragen zu den Ermittlungen gestellt, aber "keine substanziellen Informationen erhalten". Das Verhältnis zwischen beiden Ländern ist angespannt; der Fall Lessin könnte eine neue Propagandaschlacht auslösen.

Die große Frage ist, was Lessin überhaupt in Washington wollte. Offenbar war der ehemalige russische Informationsminister häufiger in der US-Hauptstadt. Manche sagen, er habe medizinische Hilfe wegen einer schweren Krankheit gesucht. Andere spekulieren, er sei in Ungnade gefallen und habe sich absetzen wollen. Der britische Guardian zitiert gar russische Blogger, die einen Deal zwischen Lessin und den US-Behörden vermuten: Sein Tod sei nur inszeniert, vermuteten sie, um ihn – gegen die Preisgabe sensibler Informationen über die russische Elite – in ein Zeugenschutzprogramm aufnehmen zu können.

Lessin stützte Putins Macht

Fest steht: Lessin war einer der einflussreichsten Männer in Putins Umgebung. Der 57-Jährige hatte schon Boris Jelzin gedient; später half er Putin, die Medien im Land unter seine Kontrolle zu bekommen, und war entscheidend am Aufbau des Auslandssenders Russia Today (RT) beteiligt. "Wir müssen internationale Propaganda für uns selbst machen", soll er erklärt haben, als RT gegründet wurde. "Sonst wirken wir nur wie brüllende Bären auf Beutezug."

Lessin half Putin, seine Macht zu sichern, und machte nebenbei mit dem russischen Staatsapparat einträgliche private Geschäfte. Angeblich verärgerte er den Ex-Präsidenten Dmitri Medwedew, weil er beides zu sehr vermischte. Auf seinem letzten Posten als Vorstandschef der kremlnahen Gazprom-Media hielt sich Lessin nur etwas länger als ein Jahr. Medien berichteten, er solle sich mit Juri Kowaltschuk überworfen haben, einem russischen Milliardär, der große Anteile an Gazprom-Media halte – und ein noch engerer Freund von Wladimir Putin sei. Lessin selbst gab als Grund für seinen Rückzug familiäre Gründe an.

Jetzt wird spekuliert, Lessin habe sich in die USA absetzen wollen. Seine Tochter leitet dort ein RT-Büro, sein Sohn beteiligt sich an der Produktion von Hollywoodfilmen. Die Familie besitzt in den USA große Vermögenswerte – mehr, als ein Mann im russischen Staatsdienst je hätte legal verdienen können, sagen manche. Die Rede ist von Immobilien im Wert von 28 Millionen Dollar. Der republikanische Senator Roger Wicker forderte 2014 die Einleitung von Korruptionsermittlungen gegen Lessin, offenbar erfolglos.

Karen Dawisha, Professorin an der Universität von Miami und Autorin eines Buchs über Korruption unter Putin, glaubt nicht daran, dass der Ex-Minister tatsächlich in den USA ins Exil gehen wollte. Er "wusste mehr als die meisten anderen über das dunkle Zentrum des (Kreml-)Systems", sagte sie der New York Times. Anders gesagt: Er wusste zu viel. Auch deshalb könnte es gut sein, dass das Rätsel um Lessins Tod sich nie auflösen lassen wird. Die Washingtoner Polizei verbat sich alle Spekulationen und kündigte weitere Ermittlungen an.