Eigentlich hat Michail Saakaschwili keine Zeit. Das Interview müsse schnell gehen, sagt sein Berater. Denn Saakaschwili sei dieser Tage fast jeden Tag in einer Stadt der Ukraine unterwegs, um bei Veranstaltungen seines Antikorruptionsforums aufzutreten. Der ehemalige Präsident Georgiens kann in Zeiten politischer Instabilität viele enttäuschte Ukrainer hinter sich versammeln. Sein Wandel zur ukrainischen Hoffnungsfigur ging schnell: Im Mai vergangenen Jahres wurde der 48-Jährige vom ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko zum Gouverneur des Gebietes Odessa ernannt.

Durch seine provokanten öffentlichen Auftritte und eine Vielzahl von Initiativen zur Korruptionsbekämpfung stieg seine Popularität schnell an. Umfragen zufolge war Saakaschwili 2015 der beliebteste Politiker in der Ukraine. Etwa 12 Prozent der Wähler würden derzeit für eine Antikorruptionspartei unter Saakaschwili stimmen, obwohl es eine solche Partei bislang nicht gibt. Kurz bevor er zu einem Termin außerhalb Kiews aufbricht, kommt Saaksaschwili in ein Luxushotel in Kiew gerannt, sucht einen Besprechungsraum und beginnt zu reden, fast ohne Pause.

ZEIT ONLINE: Herr Saakaschwili, wie gut sind Sie mit dem ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko befreundet?

Saakaschwili: Wir sind keine engen Freunde. Wir haben auch nie Geschäfte zusammen gemacht. Ich bin mir nicht mal sicher, ob er mich zu seinen politischen Unterstützern zählt. Ist ja auch keine ganz normale Situation, wenn ein Ex-Präsident wie ich plötzlich mit einem anderen Präsidenten arbeitet.

ZEIT ONLINE: Als Poroschenko Ihnen zu einem Comeback in der Ukraine verholfen hat, haben Sie keinen Deal mit ihm geschlossen?

Saakaschwili: Es gibt keinen Deal. Er sah in mir einen Partner, der den Reformprozess der Ukraine vorantreibt. Was immer ich brauche, um diesen Reformprozess voranzutreiben, kann ich ihm sagen. Das war unsere Absprache. Premierminister Arseni Jazenjuk hat mich dagegen von Anfang an als jemanden gesehen, der gekommen ist, um ihn zu ersetzen. Diese Angst hat er nie überwunden.

Vor gut vier Wochen trat der ukrainische Wirtschaftsminister Aivaras Abromavičius zurück und erhob direkt danach auf einer Pressekonferenz Korruptionsvorwürfe gegen Vertreter der Partei des Präsidenten. Durch seinem Rücktritt hat Abromavičius die bisher größte politische Krise seit der Revolution im Februar 2014 ausgelöst. Drei Parlamentsfraktionen haben mittlerweile die Zusammenarbeit mit der Regierung eingestellt.

ZEIT ONLINE: Am 15. März will das ukrainische Parlament die Regierungskrise beenden. Es heißt, Premierminister Jazenjuk könnte dann doch zurücktreten und eine Regierungsumbildung erfolgen. Wenn es früher oder später doch Neuwahlen gibt, treten Sie dann mit einer neuen Partei an?

Saakaschwili: Jazenjuks Zeit ist abgelaufen. Von außen betrachtet hat er seinen Job nicht schlecht gemacht. Er hat die Kriterien des Internationalen Währungsfonds erfüllt, strukturelle Veränderungen auf den Weg gebracht, damit die Ukraine weitere Kredite bekommt. Aber die Ukrainer haben das Vertrauen in den Staat und die Regierung verloren. Die Menschen haben viel toleriert, gelitten. Sie verstehen nicht, wie Jazenjuk davon sprechen kann, dass alles in Ordnung sei. Deshalb sind seine Umfragewerte auf unter einen Prozent gefallen.

Das zweite Problem ist der Einfluss der Oligarchen, mit denen Jazenjuk befreundet ist. Die hatten nach der Euromaidan-Revolution im Frühjahr 2014 so wenig Einfluss auf die Politik wie nie zuvor. Sie konnten das Parlament nicht mehr wie früher entscheidend kontrollieren. Doch ihr Einfluss auf die Regierungsarbeit ist in den vergangenen Wochen wieder größer geworden. Jazenjuk hat das erste Misstrauensvotum vor einigen Tagen nur überstanden, weil Abgeordnete, die von Oligarchen bezahlt werden, für ihn gestimmt haben.

ZEIT ONLINE: Warum kritisieren Sie den Premierminister so heftig? Über den Präsidenten hört man von Ihnen keine solche Kritik.

Saakaschwili: Das stimmt nicht. Ich habe mich zu Jazenjuk und Poroschenko öffentlich kritisch geäußert. Ich attackiere auch Poroschenko, nur nicht so direkt.

ZEIT ONLINE: Zum Beispiel?

Saakaschwili: Ich habe lange gefordert, Poroschenko müsse Generalstaatsanwalt Wiktor Schokin entlassen. Außerdem gibt es Abgeordnete, die zur Fraktion des Präsidenten gehören, aber im Parlament nichts zu suchen haben, weil sie zum alten Establishment gehören. Und in Odessa haben mich Mitglieder von Poroschenkos Partei daran gehindert, Reformen effizient umzusetzen. Und zu guter Letzt: Ich habe es abgelehnt, mich in der Ukraine im Namen von Poroschenkos Partei zu engagieren.

ZEIT ONLINE: Warum machen Sie hier Politik, obwohl die Ukraine nicht ihr Land ist?

Saakaschwili: Erster Grund: Ich habe fast zehn Jahres meines Erwachsenenlebens in der Ukraine verbracht, unter anderem als Student und Soldat. Zweitens: Georgien und die Ukraine sind sich sehr ähnlich, was Geschichte, Solidarität und Mentalität betrifft. In Westeuropa ist ja kaum bekannt, wie sich Georgien nach der Rosenrevolution zu einer modernen Gesellschaft gewandelt hat, in der Ukraine schon. Viele Westeuropäer waren skeptischer gegenüber meiner Leistung als Präsident Georgiens als die Ukrainer es sind.

Meine persönliche Motivation liegt auch in der geopolitischen Lage. Georgien alleine ist zu klein, um sich gegen äußere Gegner zu wehren, ebenso wie die Ukraine. Wir wollen nicht gegen Russland vorgehen, aber in Ruhe existieren. Wenn es im postsowjetischen Raum Stabilität geben soll, muss die Ukraine ein Erfolgsfall werden. Ich will nicht Teil eines geopolitischen Kampfes sein, aber er ist da, Russland kämpft ihn. Und die ukrainischen Soldaten haben in diesem Krieg Wunder vollbracht, indem sie sich verteidigt haben. Wenn es jetzt keine Reformen im Land gibt, wird Russland gewinnen, ganz ohne neue Panzer.

Kurz erklärt - Die Ukraine-Krise in drei Minuten