Ein Lagebericht des Auswärtigen Amtes vom Jahresbeginn teilte die Welt nach Wetterzonen auf. Dabei war viel von Schlechtwetter die Rede, vor allem von einer Tiefdruckzone im Mittleren Osten. Das war noch vorsichtig ausgedrückt. Wenn man heute auf Nordafrika und den Nahen Osten schaut, wäre eine neue Unwetterwarnung angebracht: Der Mittlere Osten steht vor einem perfekten Sturm.

Deshalb reist der deutsche Außenminister in diesen Monaten vor allem in diese Region. Anfang der Woche fuhr Frank-Walter Steinmeier in die Vereinigten Arabischen Emirate und nach Oman. Was auf den ersten Blick abseitig wirkt, war eine Reise zu den großen Netzwerkern des Mittleren Ostens. Die Emirate sind in den Kriegen in Jemen, Libyen und Syrien mittelbar oder direkt mit Soldaten beteiligt. Sie sind enger Verbündeter Saudi-Arabiens und großer Sponsor Ägyptens. Oman ist das arabische Land, das mit Iranern und Saudis gleichermaßen kann. Die Regierung hat enge Beziehungen zu jemenitischen Stämmen, ihr Einfluss reicht bis Libyen. Was war bei Steinmeiers Besuch auf der Sturmwarte zu sehen?

Die Millionen von Flüchtlingen, Toten, hungernden Kinder, Geiseln und Verwundeten sind nicht nur Opfer des um sich fressenden Krieges. Sie sind die Leidtragenden einer abstrakteren, folgenreichen Tragödie: dem Ende des Staates. Die pathetischen Posen von Diktatoren und Blutkalifen täuschen darüber hinweg, dass die Region heute noch mehr als an der Macht an der chronischen Ohnmacht aller staatlichen Akteure leidet.

Hier nur ein paar Meldungen der letzten Tage: IS-Milizen aus Libyen greifen Tunesien an, in Syrien brechen Regimemilizen und Dschihadisten die Waffenruhe, in Jemen nehmen Al-Kaida-Terroristen mehrere Dörfer ein, in Libanon droht dem Staat der Kollaps, da Iran mit Hisbollah das politische Gleichgewicht aushebelt und Saudi-Arabien aus Protest seine Zahlungen an Beirut eingestellt hat. Allerorten sieht man Regierungen, die ihre Territorien nicht mehr kontrollieren, Politiker, die weder gewählt noch relevant sind, Apparate, die zerbrechen statt zu verwalten.

Je brutaler das Regime, desto weniger Sicherheit

Je brutaler das Regime, so scheint es, desto weniger Sicherheit kann es bieten. Siehe Syrien, Libyen, Jemen – bald auch Ägypten und irgendwann Algerien?

Für Vermittler wie Frank-Walter Steinmeier stellt sich das Problem, mit wem man eigentlich noch sprechen kann. Mit libyschen Milizenführern nicht, mit islamistischen Brigaden nicht, aber auch nicht mit chronischen Giftgasbombern wie Baschar al-Assad. Das machen dann UN-Vermittler, omanische Zwischenhändler oder Sponsoren wie die Emiratis. Mit ihnen spricht der Außenminister und natürlich mit den noch regierenden Regierungen.

Darum wird es gehen, wenn die Syrien-Konferenz wieder in Genf zusammentritt. Darum geht es auch am Samstag in Paris, wo sich Steinmeier mit westlichen Amtskollegen zu einer Libyen-Konferenz trifft. Sie wollen den zerbrochenen Staat schrittweise wieder aufbauen, aus zwei Parlamenten eins zu machen, aus vielen Milizenführern eine funktionierende Regierung. Es ist ein Wettlauf mit der Zeit, weil die IS-Dschihadisten den Streit der Libyer nutzen, um ihr Kopf-ab-Kalifat auszudehnen.

Schon erwägen die Amerikaner eine neue Intervention in Libyen, diesmal nicht gegen einen Diktator, sondern den IS. Ob das die Lage verbessern würde, ist zu bezweifeln. Schon die Intervention von 2011 hat mehr Probleme geschaffen als gelöst. Die Fehlerwahrscheinlichkeit wächst mit der Geschwindigkeit.

Deutsche Politiker wie Steinmeier und Merkel, aber auch andere Europäer versuchen derzeit mit Hochdruck und in kürzester Zeit, Europa – eine Zone der Windstille nahe am Sturm – wetterfest zu machen. Dafür reden sie mit Emiren und Sultanen. Sie versuchen, die verfeindeten Iraner und Saudis zum Reden zu bringen. Und sie verbünden sich mit der Türkei, einem Land, das mit Kriegszuständen im Innern und an den Grenzen gerade selbst beängstigend schnell ins Tiefdruckgebiet rutscht.

Wer sich auf die Sturmwarte begibt, sieht die neue Nachbarschaft Europas: eine sich allmählich ausdehnende Landschaft unbewohnbarer Kampfzonen mit Millionen von Flüchtlingen. Für sie und für Europa muss alles versucht werden.