Die ukrainische Pilotin Nadija Sawtschenko vor einem Gericht in Moskau © Yuri Kochetkov/EPA/dpa

Die in Russland inhaftierte ukrainische Kampfpilotin Nadija Sawtschenko hat ihre letzte Äußerung vor Gericht verfasst ("Nadija Sawtschenkos letztes Wort"). Seit Sommer 2014 ist die 34-Jährige in Haft, die russische Staatsanwaltschaft wirft ihr vor, im Juni 2014 den Aufenthaltsort von zwei russischen Journalisten in der Ostukraine an das ukrainische Militär durchgegeben zu haben. Die Journalisten wurden durch Granatbeschuss getötet. Die Staatsanwaltschaft forderte 23 Jahre Haft für Sawtschenko. 

Aus Protest gegen den Aufschub der Urteilsverkündung in dem Prozess verweigert die Ukrainerin die Aufnahme von Nahrung und Wasser. Die Urteilsverkündung ist für dem 9. März vorgesehen. Anfang März vergangenen Jahres hatte sie einen 80 Tage währenden Hungerstreik beendet.

Zahlreiche Intellektuelle aus der ganzen Welt unterstützen Sawtschenko in einer Petition, mit der sie sich an die europäische Öffentlichkeit wenden. Zu den nach Angaben der Organisatoren bisher mehr als 270 Unterzeichnern gehören unter anderem die österreichische Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, die belarussische Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch, die ukrainischen Autoren Jurij Andruchowitsch und Serhij Zhadan. Sie fordern in einem offenen Brief, "entschlossene Schritte zur sofortigen und bedingungslosen Freilassung von Nadija Sawtschenko zu unternehmen". Sie sei vor mehr als 20 Monaten von Russland entführt worden. "Die russischen Machthaber missachten Bürgerrechte, internationales Recht und ihr eigenes Grundgesetz. Das spricht der internationalen Öffentlichkeit und den Minsker Abkommen Hohn."

ZEIT ONLINE veröffentlicht im Folgenden das Statement Sawtschenkos

"Nadija Sawtschenkos letztes Wort"

Ich erkenne weder meine Schuld noch das Urteil noch das russische Gericht an. Im Falle einer Verurteilung werde ich keine Berufung einlegen. Ich möchte, dass die ganze zivilisierte, demokratische Welt begreift: Russland ist ein Land der Dritten Welt mit einem totalitären Regime und einem selbstgerechten Diktator, wo auf die Menschenrechte und das internationale Recht gepfiffen wird.

Es ist eine absurde Situation, wenn diejenigen, die Menschen entführen und foltern, dann auch noch so tun, als hätten sie das Recht, sie zu verurteilen. Von welcher gerechten Rechtsprechung kann hier noch die Rede sein? Es gibt in Russland keine Untersuchung und kein Gericht! Hier gibt es lediglich eine Farce von Kreml-Marionetten, und ich halte es für völlig überflüssig, meine Lebenszeit darauf zu verschwenden, daran teilzunehmen.

Deshalb werde ich keine Berufung einlegen, sondern es wird Folgendes geschehen: Nach dem Urteil setze ich meinen Hungerstreik für die weiteren zehn Tage fort, bis das Urteil in Kraft tritt, und dies unabhängig von der ukrainischen Übersetzung, denn sie verstehen es sehr gut, sich mit der Übersetzung Zeit zu lassen. Nach zehn Tagen trete ich in einen trockenen Hungerstreik, und dann hat Russland nicht mehr als zehn Tage, um mich in die Ukraine zurückzubringen, von wo ich entführt wurde. Es kümmert mich nicht, wie sie das begründen wollen. Ich habe gehört, dass Petro Poroschenko eine recht gute diplomatische Begabung hat. Nun hoffe ich, dass diese Begabung ausreichen wird, um mit einem Idioten in Russland eine Vereinbarung zu treffen… Schließlich hatte er meiner Mutter versprochen, dass ich schon in den Maifeiertagen 2015 wieder zu Hause sein würde.

Und während man über mich verhandelt, wird mich das Leben verlassen und Russland wird mich so oder so in die Ukraine zurückbringen müssen, tot oder lebendig. Aber es wird mich zurückbringen.

Und all diese zehn Tage wird meine Schwester Tag und Nacht vor dem Tor des Untersuchungsgefängnisses ausharren und warten – ob man mich freilässt oder herausträgt. Wenn auch sie verhaftet wird, wird meine Mutter sie ablösen. Sie ist 77. Wollt ihr sie auch verhaften? Dann kommt meine Freundin, mein Freund, und dann ein Ukrainer nach dem anderen. Merkt euch: Ihr könnt uns nicht alle da reinstecken. Und während meine Mitbürger dort stehen, werden einfache, ehrliche und anständige Russen aus den umliegenden Häusern kommen, um ihnen heißen Tee zu bringen, belegte Brote und warme Decken, denn jeder von ihnen versteht, dass ihre eigenen Kinder morgen an meiner Stelle sein können, in diesem Völkerkerker namens Russland.

"Ihr habt doch Todesangst davor"

So fangen die Maidane an. Wollt ihr das? Ihr habt doch Todesangst davor! Deshalb ist es für den Kreml besser, mich so bald wie möglich und lebend in die Ukraine zurückzubringen.

Und die ganze Welt mit demokratischen Werten täte gut daran, rechtzeitig die Lehren aus der Geschichte zu ziehen und sich daran zu erinnern, wie Europa seinerzeit Hitler gegenüber Toleranz übte, wie Amerika nicht entschlossen genug war und wie das zum Zweiten Weltkrieg geführt hat. Putin ist ein Tyrann mit imperialem Gebaren, mit den Komplexen von Napoleon und Hitler zusammengenommen. Er versteht nur die Sprache der Gewalt. Wenn wir nicht entschlossener handeln und uns nicht rechtzeitig auf die richtigen Prioritäten besinnen, haben wir bald einen dritten Weltkrieg.

Jetzt, nunmehr als Politikerin, werde ich Russland auf der politischen Bühne nicht die Hand reichen. Es ist nicht gerade angenehm, denen die Hand zu geben, die dich in Handschellen und dein Volk in Fesseln gehalten haben. Doch ich werde bei jeder politischen Entscheidung stets daran denken, welche Folgen sie für das einfache Volk haben wird, sowohl in der Ukraine als auch in Russland. Denn es gibt in Russland trotz allem jede Menge ehrliche, anständige, gute und rechtschaffene Menschen.

Übersetzt von Jurko Prochasko

Korrekturhinweis: In der ersten Version dieses Textes hatte es geheißen, Sawtschenko habe sich mit einem offenen Brief an die europäische Öffentlichkeit gewandt. Das stimmt nicht. Die Petition der Intellektuellen für sie richtet sich an die Öffentlichkeit. Sawtschenkos "letzteWorte" sind das von ihr verfasste Statement für den Gerichtsprozess. Wir haben das korrigiert und bitten, die Verwirrung zu entschuldigen. Die Redaktion