"Hast Du gesehen, wer heute hier war", sagt Freddy Lie vor dem Oslo Tinghus zu mir. "Du hast gesehen, wer sich für die Sache interessiert. Das wart Ihr. Das waren die Medien." Lie ist einer der wenigen Hinterbliebenen, die am Dienstag zum Tinghus gekommen sind, um die Live-Übertragung vom Prozess über die Haftbedingungen von Anders Behring Breivik zu verfolgen.

Während des Terrorangriffs auf das Jugendferienlager der Arbeiterpartei auf der Insel Utøya am 22. Juli 2011 waren zwei Töchter von Lie dort. Die Jüngste wurde getötet, gerade 16 Jahre alt. Die zwei Jahre ältere Schwester wurde schwer verletzt. Breivik erschoss insgesamt 69 Menschen und zündete eine Autobombe im Osloer Regierungsviertel. Anders Behring Breivik wurde in der Folge zu 21 Jahren Gefängnis mit anschließender Sicherheitsverwahrung verurteilt.

Nun steht er erneut im Gerichtssaal. Aber nicht als Angeklagter, sondern als Kläger. Er wirft dem norwegischen Staat vor, ihn mit der Isolationshaft in den Selbstmord zu treiben. In der provisorisch zum Gericht umfunktionierten Sporthalle des Gefängnisses in Skien ist der Medienandrang riesig. Norwegische und internationale Medien sind zuhauf vor Ort. Im Internet wurde von der ersten Sekunde an intensiv über die Gerichtsverhandlung berichtet.

Die Hinterbliebenenvereinigung hat die Presse inständig um einen besonnenen Umgang mit dem neuerlichen Brevik-Prozess gebeten. Bilder sollten behutsam eingesetzt werden. Auch sollen sich die Zeitungen genau überlegen, ob sie Breivik erneut auf die Titelseiten heben. "Für viele von uns ist es eine besonders belastende Situation, wenn dem Täter von den Medien so große Aufmerksamkeit entgegengebracht wird", heißt es in einer Pressemitteilung der Vereinigung. Er könne gut verstehen, dass sich viele der Hinterbliebenen von dem Prozess fernhielten, sagt Lie. Für ihn sei jedoch genau das Gegenteil wichtig. "Wenn ich hier bin, kann ich filtern. Über das, was im Internet, in den Zeitungen und im Fernsehen erscheint, hat man keine Kontrolle. Aber hier habe ich die Kontrolle. Wird es mir zu viel, gehe ich einfach raus. Deswegen bin ich hierher gekommen", sagte er.

Breivik selbst verschwendet keine Zeit. Der Prozess hatte am Dienstag kaum begonnen, die Polizei ihm gerade die Handschellen abgenommen, da hebt er schon die Hand zum Hitlergruß. Kurze Zeit später waren genau diese Bilder Aufmacher in Onlinezeitungen auf der ganzen Welt. Solche Bilder seien "unnötig", warnt die Hinterbliebenenvereinigung. In vielen norwegischen Redaktionen lösten die Bilder heftige interne Debatten aus. Doch am Ende entschieden sich alle großen Medien dafür, sie trotzdem zu zeigen.