Eine Frau vor ihrem zerstörten Haus in Zolote © Oleksander Ratushniak/AFP/Getty Images

Für die Kinder im Westen der Ortschaft Saizewe ist die Schule Nummer 15 unerreichbar geworden. Ein 200 Meter breites Feld trennt die Häuser des Ortsteils Schowanka von dem grauen Ziegelbau. Es ist die Frontlinie. Soldaten der ukrainischen Armee und der prorussischen Kämpfer der selbst ernannten Donezker Volksrepublik (DNR) stehen einander in Sichtweite gegenüber. Wo früher Schüler unterrichtet wurden, haben nun die Donezker Kämpfer Quartier bezogen. Kalaschnikows, Maschinengewehre, Mörser und Artilleriekanonen diverser Kaliber kommen zum Einsatz. Der Schwarzerdeboden, über den früher Schüler zum Unterricht spazierten, ist zum Minenteppich geworden. Die Passage – unmöglich.

500 Kilometer lang ist die Front im Krieg in der Ostukraine, und an einem Punkt führt sie durch das Feld in Saizewe. Der Krieg ist hier zum Stehen gekommen und hat den Ort in zwei Teile geteilt. In Saizewe wird der Krieg zwischen Armee und Separatisten nicht entschieden. Und dennoch wird hier erbittert um jeden Meter gerungen.

Das einst 3.500 Einwohner zählende Dorf, das ein paar Kilometer von der Überlandstraße zwischen Horliwka und Artemiwsk entfernt liegt, kannten vor dem Krieg nur Ortskundige. Mittlerweile gilt es als einer der neuen Brennpunkte des Krieges, der im Sommer 2014 ausbrach und bisher mehr als 9.000 Menschenleben forderte.

In den Berichten der Beobachter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) wird Saizewe fast täglich erwähnt. Der Vizechef der OSZE-Mission, der Schweizer Alexander Hug, notierte bei seinem letzten Besuch im Konfliktgebiet, dass die großen Kampfhandlungen zwar vorüber seien. Dafür sehe man ein neues Phänomen: An bestimmten Brennpunkten "kommen die beiden Seiten einander sehr nahe", sagte Hug. "Zu nahe." So wie in Saizewe.

Der Familienbesuch endet am Checkpoint

Die sogenannten Brennpunkte in diesem bewaffneten Konflikt sehen unspektakulär aus. Die ländliche Siedlung zieht sich an einer der sanften Bodenwellen des Donbass entlang. Eigenheime kleiner Leute, aufgefädelt entlang schmaler Straßen. Felder, die oft noch von Hand bestellt werden. Obstbäume, Hühnerställe, gluckernde Bäche.

Heute enden die schlammigen Straßen Saizewes an Checkpoints, an denen es kein Weiterkommen mehr gibt. So wie die Kinder des Ortsteils Schowanka nicht mehr ihre Schule besuchen können, können Bewohner des östlichen Teils Saizewes, der von den Bewaffneten der DNR kontrolliert wird, nicht mehr zu ihren Bekannten im Westen.

Zwei Friedhöfe, das örtliche Krankenhaus und das Gemeindeamt sind für Bewohner auf der ukrainisch kontrollierten Seite nicht mehr erreichbar.

"Wir telefonieren mit unseren Angehörigen auf der anderen Seite", sagt Aljona Nikolajewna, Besitzerin eines Minimarktes im Zentrum des von DNR-Kämpfern gehaltenen Ortsteils. "Es ist schrecklich, hier wie dort. Was bei uns passiert, passiert auch bei ihnen." Nikolajewna hat es aufgegeben, die üblichen Öffnungszeiten einzuhalten. Von halb acht Uhr früh bis "zum Beginn des Beschusses" hält sie das Geschäft offen, das die Bewohner des Dorfes mit dem Nötigsten versorgt. Und der beginnt meistens gegen fünf oder sechs Uhr nachmittags.

Schulbesuch als Risiko

An diesem Tag fielen die Geschosse ausnahmsweise schon um sieben Uhr früh. "Schrecklich", sagt die 42-Jährige wieder. Viel los ist in ihrem Geschäft nicht mehr. Eine 92-Jährige im braunen Mantel ist aus ihrem Haus gegenüber hergehuscht, um eine Zitrone zu kaufen. Ein Mann mit Wollhaube wärmt sich auf. Seit sich der Krieg im Dorf festgefressen hat, sei die Kaufkraft um 80 Prozent gefallen, sagt die Inhaberin. Auch die an Bedürftige verteilte humanitäre Hilfe trägt nicht dazu bei, den Umsatz zu heben.

Das Dorfleben ist paralysiert: Auf beiden Seiten von Saizewes Front werden die Schüler größtenteils zu Hause unterrichtet. Der Schulbesuch ist zum Sicherheitsrisiko geworden. Die Stromversorgung bricht wegen des Beschusses immer wieder zusammen. Viele Dorfbewohner haben ihre Häuser verlassen. Nikolajewna selbst übernachtet mit ihrem Ehemann meistens in der nahen Stadt Horliwka, wo die Sicherheitslage mittlerweile besser ist. Bis vor einigen Monaten war es umgekehrt: Saizewe galt als weitgehend ungefährdet, Horliwka wurde beschossen.