Die türkische Oppositionszeitung Zaman ist zwei Tage nach ihrer staatlichen Übernahme auf Regierungskurs geschwenkt. In der ersten Ausgabe nach dem Verlust der Eigenständigkeit berichtete die Zeitung über den Besuch von Präsident Recep Tayyip Erdoğan auf einer Baustelle in Istanbul. 

Am Freitag hatte ein Istanbuler Gericht angeordnet, dass Zaman künftig unter die Kontrolle eines Treuhänders gestellt werde. Polizisten stürmten die Redaktion, um von der Justiz bestellte Manager hinein zu begleiten und Mitarbeiter von Zaman herauszubringen. Mit Tränengas und Wasserwerfern hatte die Polizei am Freitag und Samstag Hunderte Demonstranten vor der Zentralredaktion von Zaman in Istanbul auseinandergetrieben. Einige von ihnen wurden verletzt.

Die Aktion könnte sich auch auf das Treffen der EU-Chefs mit dem türkischen Ministerpräsidenten Ahmet Davutoğlu am Montag auswirken. Die EU wird von zahlreichen Organisationen aufgefordert, sich beim Gipfel mit der Türkei zur Flüchtlingskrise deutlich gegen den Verfall der Pressefreiheit in dem Land auszusprechen.

Die EU erhofft sich vom Nato-Mitgliedsstaat Türkei massive Unterstützung zur Bewältigung der Flüchtlingskrise. Die Europäische Journalistenföderation erklärte, die EU dürfe angesichts der politischen Beschlagnahmung der Zeitung nicht still bleiben.

Zaman ist die auflagenstärkste Zeitung des Landes. Sie soll Verbindungen zu dem in den USA lebenden islamischen Geistlichen Fethullah Gülen haben – einem Gegner von Präsident Erdoğan. Die Regierung geht seit einiger Zeit verstärkt gegen Gülens Bewegung vor, der sie Pläne für einen Umsturz unterstellt.