Die Hände eines Flüchtlingskindes an einem Zaun in Idomeni. Dahinter griechische Bereitschaftspolizisten, die gegen Ausschreitungen in dem selbsterrichteten Lager vorgehen. © Marko Djurica/Reuters

Frage: Herr Kopp, die große europäische Lösung in der Flüchtlingskrise fehlt – und im griechischen Grenzort Idomeni sitzen 12.000 Flüchtlinge fest. Ist es berechtigt, denen Hoffnung zu machen?

Karl Kopp: Ja, wir müssen ihnen Hoffnung machen. Auch wenn es keine Aussicht dafür gibt, dass die Balkanroute wieder geöffnet wird. Jeden Tag und jede Nacht finden an der Grenze zu Mazedonien Zurückweisungen statt. Die gesamte Balkanroute ist eine menschenrechtsfreie Zone geworden. Die Geflüchteten aber dürfen die Hoffnung nicht verlieren, dass es legale Wege gibt, der humanitären Katastrophe in Idomeni, aber auch in anderen griechischen Orten wie Piräus zu entkommen. Es muss eine politische und humanitäre Lösung für die Menschen geben, die in Griechenland gestrandet sind. Alle Abwehrmaßnahmen helfen nur den Schleppern.

Frage: Mehrere deutsche Politiker haben Erwartungen geweckt: Grünen-Chefin Simone Peter sagt, Deutschland müsse notfalls "im Alleingang" die Flüchtlinge aus Idomeni aufnehmen. Der thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow will zusätzlich bis zu 2.000 Flüchtlinge in seinem Bundesland unterbringen.

Lage in Idomeni bleibt angespannt Nach wiederholten Gerüchten über eine Grenzöffnung in Idomeni, protestieren die Menschen weiter gegen ihre Unterbringung in Aufnahmelagern. Derzeit sind etwa 50.000 Flüchtlinge in Griechenland unterwegs.

Kopp: Es ist gut, solche Perspektiven zu eröffnen. Diejenigen, die die Balkan-Route dichtgemacht haben, wollen hässliche Bilder aus Idomeni, um Flüchtlinge abzuschrecken. Sie nehmen dafür Katastrophen in Kauf. Der österreichische Außenminister Sebastian Kurz von der ÖVP zum Beispiel, der sich mit seiner Asylpolitik kaum noch unterscheidet vom ungarischen Regierungschef Viktor Orbán. Andere setzen auf eine türkische Lösung. Weil es in Europa keine Koalition der Willigen mehr gibt, müssen nun andere Möglichkeiten geprüft werden: Die Regionen Barcelona und Valencia haben Griechenland Angebote gemacht, schnell Flüchtlinge aufzunehmen. Das kleine Portugal hat gesagt: Wir sind bereit, bis zu 10.000 aufzunehmen. Auch Deutschland muss helfen und legale Ausreisewege für die Menschen in Idomeni eröffnen, die unter elenden Bedingungen auf eine Grenzöffnung warten, bevor Flüchtlinge umkommen. Wir alle in Europa müssen uns neu sortieren und eine neue Koalition der Willigen bilden.

Frage: Viele Bilder dokumentieren das Elend in Idomeni, die katastrophalen hygienischen Bedingungen. Sind solche Bilder vielleicht sogar bei vielen europäischen Regierungen willkommen, weil sie Menschen von einer Flucht abhalten?

Kopp: Das ist die irrige Vorstellung der Hardliner in Europa, die eine zynische, menschenverachtende Politik betreiben: möglichst viele hässliche Bilder zur Abschreckung. Aber bloß, weil es ganz hässlich aussieht, sind die Weltkrisen doch nicht bewältigt und die Leute kommen nicht mehr. Auf der anderen Seite der Ägäis und des zentralen Mittelmeers ist die humanitäre Situation so dramatisch, gibt es so viel Krieg und Elend, dass Schutzsuchende kommen werden, egal wie. Europa entscheidet praktisch nur darüber, ob diese Menschen lebend oder tot ankommen. Die Menschen werden sich nicht von den hässlichen Bildern abhalten lassen. Die Abschreckungslogik funktioniert nicht, aber produziert Leid ohne Ende.

Frage: Umgekehrt gibt es Vorwürfe, dass manche Flüchtlingsaktivisten die Stimmung anheizen würden: Gerüchte werden in Idomeni gestreut, über eine Grenzöffnung oder eine bevorstehende Räumung des Lagers. Wie beobachten Sie das?

Kopp: Wir wissen nicht, von wem welche Gerüchte gestreut werden. Vorweg muss man sagen: Von Kos bis nach Zentraleuropa haben Aktivisten und Zivilgesellschaft hohe Verdienste. Ohne deren bis heute anhaltende Hilfe hätten viele Flüchtlinge nichts zu essen, keine medizinische Versorgung, würden praktisch zusammenbrechen. Das Überleben im griechischen Transit hat von A bis Z die Zivilgesellschaft organisiert. Selbstverständlich dürfen Menschen in einer verzweifelten Situation nicht mit halbgaren Informationen gespickt werden. So etwas ist auch nicht im Einklang mit dem Kodex von Flüchtlingsunterstützern. Die Aktion des angeblichen "Kommandos Norbert Blüm", bei der Flüchtlinge Mitte März per Flugblatt über eine reißenden Fluß zu einem "March of hope" Richtung nach Mazedonien geschickt wurden, war gefährlich. Wir wissen immer noch nicht, wer das in die Welt gesetzt hat. Aber gegen so etwas muss man eine klare Linie ziehen. Wenn mit Angst machenden Informationen etwas befördert wird, nur um Aufsehen zu erregen, ist das klar abzulehnen.

Frage: Griechenlands Regierung will, dass das Lager Idomeni aufgelöst wird und die Flüchtlinge in angeblich besser organisierte Camps umsiedeln. Können Sie den Schutzsuchenden dazu raten, Folge zu leisten?

Kopp: In dieser schwierigen Situation können wir den Flüchtlingen keine Ratschläge erteilen. Auch die sogenannten alternativen Lager sind Elendslager, dort herrschen menschenunwürdige Bedingungen. Die Schutzsuchenden bekommen im griechischen Transit keinerlei vernünftige Informationen. Es ist für die Flüchtlinge deshalb auch sehr schwer, dem Rat der deutschen Kanzlerin zu folgen, die sagt, sie sollten der Empfehlung der griechischen Regierung vertrauen und sich selbst eine neue Unterkunft suchen. Das sind keine Touristen mit Bargeldmitteln! Wenn man Verzweifelten etwas anbieten will, was überhaupt kein Angebot ist, wieso sollten sie dem folgen? All die Alternativ-Großlager sind de facto ein verlängerter Zustand der Obdachlosigkeit, wie ihn die Flüchtlinge schon aus Idomeni kennen. Phasenweise sind zu 60 Prozent Frauen und Kinder unterwegs. Mehrere tausend alleinstehende Kinder befinden sich in Griechenland. Viele von ihnen werden in Polizeizellen festgehalten, weil es keine Unterkünfte gibt.