Überlebende des Srebrenica-Massakers schauen das Urteil gegen Radovan Karadžić im Fernsehen an. © Elvis Barukcic/AFP/Getty Images

Radovan Karadžić ist zu 40 Jahren Haft verurteilt worden. Das Internationale Strafgericht hat ihn wegen Völkermords, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit während des Bosnien-Kriegs schuldig gesprochen.

Als Führer der bosnischen Serben ließ der heute 70-jährige Karadžić die Stadt Sarajevo dreieinhalb Jahre lang (von April 1992 bis November 1995) umzingeln, beschießen, bombardieren und aushungern. 1.425 Tage lang. Es war die längste Belagerung einer europäischen Stadt im 20. Jahrhundert. Karadžić ist auch einer der Hauptverantwortlichen für das Massaker von Srebrenica, bei dem im Juli 1995 rund 8.000 bosniakische Männer von serbischen Milizionären umgebracht wurden.

Karadžić hat sich die Strafe also wirklich verdient. Sie trifft ihn zwanzig Jahre nach Kriegsende, das ist spät, aber nicht zu spät. Wichtig ist, dass das Urteil gefällt wurde.

Freilich, es gibt und gab viel Kritik an dem Jugoslawientribunal – zu einseitig sei es, es arbeite zu schlampig und überhaupt wolle es nur vom Versagen des Westens ablenken, der jahrelang dem Morden untätig zugesehen habe. Die Arbeit des Tribunals war gewiss nicht immer perfekt. Doch die Kritik zielt und zielte meist nur darauf, die Idee der Internationalen Gerichtsbarkeit als Ganzes zu unterminieren und zu beschädigen.

Bosnien und Herzegowina - Die Folgen des Völkermords Der internationale Strafgerichtshof in Den Haag hat Radovan Karadžić des Völkermords schuldig gesprochen. Die Folgen der Balkankriege der 1990er Jahre sind heute noch zu spüren.

Ein Studentenheim trägt seinen Namen

Nein, die Verurteilung Karadžićs ist eine gute Nachricht. In Bosnien-Herzegowina wird das Urteil allerdings unterschiedlich aufgenommen. Das kleine Land ist seit dem Friedensschluss von Dayton in zwei Entitäten aufgeteilt, in die Föderation Bosnien-Herzegowina, die mehrheitlich von Bosniaken bewohnt wird, und in die Republik Srpska, in der mehrheitlich bosnische Serben leben. Die Teilung des Landes ist eine Hinterlassenschaft des Krieges, den Karadžić mit angezettelt hatte.

In der Republika Srpksa ist Karadžić für viele noch ein Held. Vor wenigen Tagen erst ist in dem Dorf Pale ein neues Studentenheim nach Karadžić benannt worden. Pale war während des Krieges die "Hauptstadt" der bosnischen Serben und das Hauptquartier Karadžićs. Das Dorf liegt gerade mal 16 Kilometer von Sarajevo entfernt. Der Präsident der Republika Srpska, Milorad Dodik, kam zur Einweihung des Studentenheimes. Er sagte unter anderem, dass das Heim dem Menschen gewidmet ist, der "ohne Zweifel den Grundstein für die Republika Srpska gelegt hat". Das war eine bewusste Provokation und eine Verhöhnung der Opfer Karadžićs, und zwar von höchster Stelle der Republika Srpska.

Bosnien-Herzegowina bleibt auch zwanzig Jahre nach dem Krieg also tief gespalten. Das Urteil gegen Karadžić wird das nicht ändern – kann es auch nicht. Die Aufgabe des Gerichts ist es, Recht zu sprechen, nicht mehr und nicht weniger. Eine Versöhnung wird es allerdings nicht geben können, solange Karadžić in der Republika Srpska als Held verehrt wird.