Mit einem Wutausbruch hat der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan auf die Präsenz des deutschen Botschafters Martin Erdmann und anderer ausländischer Diplomaten als Beobachter im Prozess gegen zwei prominente Journalisten in der Türkei reagiert. "Diplomatie unterliegt einem gewissen Anstand und Umgangsformen. Das ist nicht euer Land. Das ist die Türkei", sagte Erdoğan in einer im Fernsehen übertragenen Rede. Die Diplomaten könnten im Rahmen ihrer Vertretungen tätig werden, ansonsten sei eine Erlaubnis nötig.

Mehrere diplomatische Vertreter, darunter der britische Generalkonsul, hatten am Freitag in Istanbul den Beginn des umstrittenen Prozesses gegen die Journalisten Can Dündar und Erdem Gül beobachtet. Dündar ist Chefredakteur der Zeitung Cumhuriyet, Gül ist Hauptstadtbüroleiter. Ihnen wird unter anderem Spionage und Unterstützung einer terroristischen Vereinigung vorgeworfen. 

Hintergrund der Anklage ist ein Bericht der Cumhuriyet über angebliche Waffenlieferungen der Türkei an Extremisten in Syrien aus dem vergangenen Jahr. Den Journalisten droht lebenslange Haft. Erdoğan, der gegen Dündar und Gül Strafanzeige erstattet hatte, sowie der türkische Geheimdienst MIT treten als Nebenkläger auf.

"Wer sind Sie? Was machen Sie da?"

Zum Prozessauftakt waren etwa 200 Besucher ins Gericht gekommen, darunter Kollegen der Angeklagten, Oppositionspolitiker, einfache Bürger und ausländische Diplomaten. Erdoğan warf den Diplomaten nun vor, sie hätten "Stärke demonstrieren" wollen. "Wer sind Sie? Was machen Sie da?", rief er wütend in seiner Rede aus.

Der Prozess findet künftig hinter verschlossenen Türen statt. Die Richter gaben zum Prozessauftakt einem entsprechenden Antrag der Staatsanwaltschaft statt. Die Unterstützer der beiden Angeklagten im Gerichtssaal reagierten empört auf den Ausschluss der Öffentlichkeit.

Dündar und Gül haben wegen der Vorwürfe bereits 92 Tage im Gefängnis gesessen, die meiste Zeit in Einzelhaft. Auf Anordnung des obersten Gerichts wurden sie Ende Februar jedoch wieder freigelassen. Erdoğan und seine Partei AKP kritisierten, das Gericht habe seinen Zuständigkeitsbereich überschritten.

In einem Interview der Nachrichtenagentur Reuters kurz vor Prozessbeginn hielt Dündar an seiner Einschätzung fest. "Der Staat wurde bei einer Straftat erwischt und tut nun alles, um es zu vertuschen." Bei ihm und Gül handele es sich nicht um Beschuldigte, sondern um Zeugen.

Gegen den Prozess hatten der Europarat, internationale Journalistenverbände sowie unter anderem mehr als hundert Autoren in einem offenen Brief protestiert, unter ihnen Literatur-Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa. Kritiker werfen der türkischen Regierung ein zunehmend repressives Vorgehen gegen oppositionelle Medien vor. Auf einer Rangliste zum Stand der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen liegt die Türkei auf Platz 149 von 180 Staaten. Viele Journalisten sind in dem Land inhaftiert.