Ein knapper Satz nur, mehr war von der deutschen Regierung am Montag nicht zu hören. "#Türkei: DEU Botschafter hat in Gesprächen im türk. Außenministerium deutlich gemacht, dass Presse-+Meinungsfreiheit geschützt werden müssen." Das twitterte das Auswärtige Amt am Montagnachmittag zur Auseinandersetzung um die Erdoğan-Satire der NDR-Sendung extra 3. Die Kanzlerin wollte sich nicht äußern. Eine offizielle Erklärung der Bundesregierung gab es erst am heutigen Mittwoch. Auf Ebene der Staatssekretäre sei klargestellt worden, dass die Presse- und Meinungsfreiheit "nicht verhandelbar" sei. Im Vergleich zum Bohei, das auf der anderen Seite die türkische Regierung um die Sache macht, wirkt das, nun ja, sparsam.

Ist es zu wenig? Müsste die Bundesregierung nicht wuchtiger und lauter werden gegen die Angriffe des türkischen Präsidenten auf die deutsche Meinungsfreiheit? Gerade jetzt, da man angesichts der Flüchtlingsabmachungen mit der Türkei und freundlicher gemeinsamer Auftritte in Brüssel den Eindruck vermeiden müsste, bei den wirklich wichtigen Fragen, bei Werten und Freiheiten, dem türkischen Präsidenten nachzugeben. 

Nein, die knappe, aber eindeutige deutsche Reaktion ist angemessen. Sie ist diesmal sogar ein Zeichen der Stärke und nicht der Schwäche. 

Denn die Angegriffenen haben in diesem Fall keine wuchtigere Verteidigung nötig. Die Journalisten des NDR sind für Erdoğan und seine Regierung schließlich unbelangbar. Sie können senden, was sie wollen, und tun das ja auch munter weiter, nun dank Erdoğans Attacken mit der ganzen Welt als Zuschauer. Das Satirevideo gibt es längst mit englischen und türkischen Untertiteln. 

Angesichts dieser komfortablen Situation würde jede pathetisch-staatsmännische Verteidigungsrede unverhältnismäßig wirken und Erdoğans Gezeter nur aufwerten. Soll er doch schimpfen, soll er die Löschung des Videos fordern und den deutschen Botschafter einbestellen: Mehr als ein knappes "Nein" als Antwort auf sein anmaßendes Verlangen hat dieser Fall nicht verdient.

Eine Eskalation des Streits würde nur Erdoğan helfen

Auch deshalb, weil eine rhetorische Eskalation dem türkischen Präsidenten diesmal unnötig in die Karten spielen würde. Erdoğan erzählt den Türken seit Jahren, ungefähr seit den Gezi-Protesten im Frühling 2013, dass das Ausland für alles Schlechte und Böse verantwortlich sei und sich gegen die Türkei gewendet habe. Damals beschuldigte er die Lufthansa, die Proteste in Istanbul angestiftet zu haben, später war dann gerne mal eine vermeintliche "Zinslobby" Schuld, und ausländische Journalisten sind aus seiner Sicht oft Spione und Provokateure und werden entsprechend behandelt. Mit dieser Taktik baut Erdoğan sein Land zur mentalen Wagenburg um. Wir gegen die – das ist sein Modus Operandi. Deshalb sollte man sich nicht unnötig auf ein diplomatisches Schreiduell mit ihm einlassen, um die Spaltung zwischen großen Teilen der türkischen Bevölkerung und Europa nicht noch weiter zu vertiefen. In diesem Fall ist die deutsche Demokratie stark genug, um ruhig zu bleiben. 

Es gibt andere Fälle. Es gibt Opfer Erdoğans, die viel schlechter geschützt sind als die Macher der NDR-Satire, und die deshalb Hilfe brauchen. Wenn er kritische türkische Journalisten wegen Beleidigung oder angeblicher Spionage anklagen lässt, dann ist es richtig, dass der deutsche und andere europäische Botschafter sich demonstrativ mit in den Gerichtssaal setzen – ob es Erdoğan gefällt oder nicht. Wenn das türkische Militär mit Panzern in kurdische Wohngebiete schießt, weil dort angeblich alle PKK-Anhänger sind, dann müsste das bei jedem Treffen mit Vertretern dieses Staates das erste und wichtigste Thema europäischer Politiker sein. Das ist keine Einmischung in innere Angelegenheiten, wie Erdoğan immer behauptet, sondern die begründete Meinungsäußerung besorgter Partner. 

In diesen Fällen ist es richtig, laut zu werden. Die Satiriker von extra 3 brauchen diesen diplomatischen Verstärker nicht. Sie sind selbst, zum Glück, laut und kräftig genug.