Die Adresse des vor einer Woche in Brüssel verhafteten Terrorverdächtigen Salah Abdeslam soll der Polizei bereits seit Anfang Dezember vorgelegen haben. Das berichtete am Freitagmorgen die belgische Zeitung La derniere heure und beruft sich auf eigene Recherchen. Demnach soll ein Polizist der belgischen Polizei die Wohnung Abdeslams in der Rue des Quatre vents im Brüsseler Stadtteil Molenbeek in einem Bericht vermerkt haben. Diese Information wurde jedoch nicht an die Antiterroreinheit der belgischen Polizei weitergereicht.

Bereits im Zusammenhang mit den Ermittlungen zu den Anschlägen vom Dienstag gab es Kritik bezüglich der Arbeit der belgischen Behörden. So wurde bekannt, dass die belgische Polizei bereits im Februar in der Unterkunft der Attentäter gewesen sei. Die Beamten wurden am 9. Februar in das Haus in der Max-Roosstraat 4 gerufen, weil dort vom Dachgeschoss eine Fensterscheibe auf ein geparktes Auto gefallen war, wie die Autobesitzerin der Nachrichtenagentur AP sagte.

Im Fall der nicht weitergereichten Adresse Abdeslams hat das sogenannte Comité P, die für die Kontrolle der Polizeiarbeit zuständige Einheit, Untersuchungen aufgenommen, hieß es laut der belgischen Zeitung Le Soir. So sei beispielsweise bislang nicht klar, ob die Information absichtlich nicht weitergeleitet wurde. Dass Untersuchungen aufgenommen worden sind, bedeute demnach nicht, dass es nicht auch möglich ist, dass die Adresse auf anderen Wegen an die Antiterroreinheit übermittelt wurde. Die Polizeistelle von Malines, der das Versehen zur Last gelegt wird, bestritt nach Veröffentlichung des Medienberichts, dass sie die Adresse von Abdeslam vorliegen hatte.

Am Dienstag, den 15. März – drei Tage vor der Festnahme Abdeslams – hatte die Polizei während einer Razzia Fingerabdrücke von Abdeslam in einer weiteren Wohnung im Stadteil Forest sichergestellt. Ebenfalls im Dezember hatten die Ermittler im Brüsseler Stadtteil Schaerbeek ein Versteck gefunden, in dem sich der Terrorverdächtige offenbar nach den Anschlägen von Paris für kurze Zeit aufgehalten hatte. Auch dort waren Fingerabdrücke von ihm entdeckt worden.

In den Tagen zwischen seiner Festnahme und den Brüsseler Anschlägen ist Abdeslam nur einmal verhört worden. Weil er während der Festnahme leicht verletzt und später am Bein operiert worden war, hatten die Ermittler vorerst von weiteren Verhören abgesehen. Außerdem hatten sie sich bei ihrer Befragung auf die Anschläge von Paris konzentriert, wie in der Zusammenfassung des belgischen Fernsehsenders BFMTV nachzulesen ist, der das Protokoll einsehen konnte. Hinweise auf die bevorstehenden Anschläge in Brüssel hätte es in dem Verhör, das am Samstag nach der Festnahme stattfand, nicht gegeben.