Als der Tag zu Ende geht, den die belgischen Medien nun den "pechschwarzen Dienstag" nennen, hat Innenminister Jan Jambon seine Streitbarkeit wiedergefunden. Jambon, Mitglied der flämisch-nationalistischen Regierungspartei N-VA, stand unter all den Menschen, die vor der Brüsseler Börse der Toten gedachten, und sagte, er sei nun noch überzeugter als zuvor, dass Belgien den Kampf gegen den Terror letztlich gewinnen werde.

Tatsächlich steht Belgien in einem offenen Kampf gegen islamistische Terroristen, und nicht erst seit Dienstag. Die Anschläge des 22. März sind vielmehr eine weitere Eskalationsstufe in einer Auseinandersetzung, die das Land schon seit Längerem im Griff hat. Sie setzte spätestens im Januar 2015 ein. Damals hoben belgische Sicherheitskräfte in Verviers eine Terrorzelle aus. Die Männer hatten geplant, als Polizisten verkleidet Kommissariate zu überfallen. Zwei Attentäter wurden in einem Feuergefecht mit der Polizei getötet, einer entkam: Abdelhamid Abaaoud, der im November die Attentäter von Paris anführen sollte.

Alain Grignard gilt als einer der besten Kenner der belgischen Islamistenszene und war als Polizist an dem Einsatz in Verviers beteiligt. Er sagt, die Täter damals seien erfahrene Kämpfer gewesen. "Es kostete die Terroristen nur eine Sekunde, um ihre Plauderei zu beenden und das Feuer zu eröffnen." Der Eindruck der belgischen Polizei sei gewesen, die Gruppe sei direkt von der Führung des IS geschickt worden, um Belgien anzugreifen. Die Ermittler fanden damals ein großes Waffenlager und Chemikalien, aus denen der Sprengstoff TATP hergestellt werden kann. "Alles das deutet darauf hin, dass sie einen terroristischen Feldzug durch Belgien vorbereiteten, der viel weiter gehen sollte als eine einfache Attacke auf die Polizei", sagt Grignard.

Ein terroristischer Feldzug?

Nun stellt sich die Frage: Waren auch die Attentate von Paris und Brüssel Teil dieses Plans? Dass Verviers und Paris zusammenhängen, ist inzwischen belegt. Abaaoud war an beiden Taten beteiligt. Die Pariser Attentäter verwendeten auch den gleichen Sprengstoff, den die Ermittler in Paris gefunden hatten.

Seit Mittwochmittag steht fest, dass auch die Brüsseler Anschläge in diese Reihe gehören. Die Behörden konnten zwei Täter identifizieren: die Brüder Ibrahim und Khalid El Bakraoui. Diese beiden Männer gehörten auch zur Terrorgruppe um Abaaoud und wurden von der französischen Polizei gesucht. Sie standen auch in Kontakt mit Salah Abdeslam. Er ist ebenfalls ein Gefolgsmann Abaaouds und floh nach den Pariser Attentaten nach Brüssel, wo er sich offenbar monatelang versteckt halten konnte. Am vergangenen Freitag wurde er festgenommen.

Belgien ist das Land Europas, aus dem im Verhältnis zur Einwohnerzahl die meisten Syrienkämpfer zum "Islamischen Staat" ziehen. Viele dieser Kämpfer sind inzwischen zurückgekehrt. Aus ihren Reihen rekrutierten sich auch einige der Täter von Paris und Verviers. Spätestens nach dem Einsatz von Verviers muss den Sicherheitskräften also klar gewesen sein, dass Belgien nicht nur eine entscheidende Schnittstelle zwischen Europa und dem syrischem Bürgerkrieg geworden war, sondern auch ein Ziel terroristischer Angriffe. Schon 2014 hatte ein französischer Dschihadist im Jüdischen Museum in Brüssel vier Menschen erschossen.

"Kein Molenbeeker Grüppchen"

Pieter Stockmans hat das Buch Die Dschihad- Karawane geschrieben und darin den Zustrom von ausländischen Kämpfern in islamistische Kampfgebiete untersucht. Er nennt es "keinen Zufall", dass die Anschläge vom Dienstag so schnell auf die Verhaftung Abdeslams folgten. Nur stelle sich die Frage, welchen Plan die Terroristen hatten. War es schlicht Rache oder vielmehr ein präzise vorbereiteter Tiefschlag, auf dass nach dem Ermittlungserfolg gegen Abdeslam die Angst den Diskurs wieder beherrsche? Stockmans mutmaßt, die Brüsseler Attentäter hätten vielleicht mitbekommen, dass Abdeslam zum Kronzeugen werden und wichtige Informationen ausplaudern könnte, und hätten deswegen einen schon geplanten Anschlag vorgezogen.

Falsch findet Stockmans, dass sich so viele Medien immer wieder allein auf den Brüsseler Stadtteil Molenbeek konzentrieren. "Man konnte denken, Molenbeek sei die Hauptstadt des Kalifats und Abdeslam der selbsternannte Kalif Abu Bakr al-Baghdadi. Es schien fast, als hätte man mit seiner Festnahme den IS aufgerollt."

Dabei hatte Justizminister Koen Geens erst vor wenigen Tagen abermals gewarnt: "Man sagt, dies sei ein Molenbeeker Grüppchen, doch das stimmt nicht. Es kommen ständig Menschen aus Syrien hierher." Gefährlich nannte Geens die Mischung aus lokalen Netzwerken und in Syrien trainierten Unbekannten. Stockmans teilt diese Analyse. Die Attentate auf den Flughafen und Maelbeek seien "der x-te Beweis, dass es in Belgien viele reelle Netzwerke gibt, die wiederum Verbindungen zu internationalen Netzwerken mit viel Geld und Waffen haben und deren Aufträge ausführen".

Brüssel - Terror als Waffe gegen die offene Gesellschaft Der Sozialwissenschaftler Gerald Knaus vom Thinktank Europäische Stabilitätsinitiative (ESI) hält die Radikalisierung des Westens für eines der wichtigsten Ziele der IS-Terroristen. Auch mit Blick auf die Flüchtlingskrise.