Knapp sechs Jahre nach dem Absturz des polnischen Präsidentenflugzeugs im russischen Smolensk hat die Regierung in Warschau Spekulationen über einen Anschlag befeuert. Polens damaliger Staatschef Lech Kaczyński und die übrigen 95 Insassen seien Opfer von russischem "Terrorismus" geworden, sagte Verteidigungsminister Antoni Macierewicz. Ziel sei es gewesen, Polen die Führung wegzunehmen, "die unsere Nation in Richtung Unabhängigkeit führte".

Polen habe den Preis für seine Forderung zahlen müssen, das Massaker von Katyn als Völkermord einzustufen, sagte Macierewicz. In dem Ort nahe Smolensk waren im Zweiten Weltkrieg mehrere Tausend polnische Offiziere von der sowjetischen Geheimpolizei ermordet worden. "Wir waren das erste große Opfer des Terrorismus, der sich jetzt vor unseren Augen entfaltet", sagte der Minister bei einer Rede an der Universität in Toruń.

Die russische Regierung wies die Anschuldigungen als haltlos zurück. Die Vorwürfe seien unbegründet und hätten "nichts mit den wahren Umständen des Flugzeugabsturzes zu tun", sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow. Auch die polnische Opposition reagierte empört auf die Äußerungen des Verteidigungsministers.

Futter für Verschwörungstheorien

Bei dem Absturz der Tupolew Tu-154 am 10. April 2010 waren der damalige Präsident Lech Kaczyński, dessen Ehefrau und 94 weitere Insassen ums Leben gekommen. Unter den Opfern waren ranghohe Militärs und Politiker, die zum 70. Jahrestag des Massakers von Katyn an einer Gedenkfeier teilnehmen wollten.

Die Militärstaatsanwaltschaft hatte nach ihren Ermittlungen zu dem Absturz erklärt, dass in erster Linie die Piloten und in minderem Umfang zwei russische Fluglotsen für das Unglück verantwortlich gewesen seien. Dennoch kursieren bis heute zahlreiche Verschwörungstheorien. Jeder vierte Pole geht laut einer Umfrage aus dem vergangenen Jahr noch immer von einem Anschlag aus. Die Regierung der nationalkonservativen Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) leitete im Februar neue Ermittlungen zu dem Absturz ein.