Im Teil der syrischen Provinz Aleppo, der nicht unter Kontrolle des Assad-Regimes steht, organisiert das Aleppo Provincial Council die provisorische Verwaltung. Mehr als 40 Mitglieder sind in das Gremium gewählt, Lehrer, Scheiche, Ärzte, Geschäftsleute, die ganze Bandbreite der Zivilgesellschaft. Das System setzt sich mit Komitees fort, die für die einzelnen Regionen, Gemeinden oder Städte zuständig sind. Dort gibt es wiederum gewählte Stadt- und Gemeinderäte, etwa auch im von der Opposition kontrollierten Teil der Stadt Aleppo. Die zivilen Gremien unterstehen nicht den militärischen Fraktionen, auch wenn diese oft massiv Einfluss nehmen. Sie organisieren die Versorgung mit Wasser und Strom, den Betrieb von Schulen und Krankenhäusern, Müllabfuhr und Zivilschutz – alles unter den Bedingungen des Kriegs. In anderen Provinzen, die von der Opposition gehalten werden, gibt es ebenfalls solche Räte. Die Namen der Autoren dieses Beitrags aus dem Aleppo Provincial Council nennen wir aus Sicherheitsgründen nicht.

Seit Jahren regnet es in Syrien Terror in Form von Bomben und Raketen, die auf unsere Städte und Dörfer niedergehen, Zivilisten töten und unsere Schulen, Krankenhäuser und Wohnungen dem Erdboden gleichmachen. In dieser Woche bleiben die Bomben zum ersten Mal aus und die Syrer strömen im ganzen Land auf die Straßen, um ihre Revolution fortzusetzen. 

Genau vor fünf Jahren hat die syrische Revolution begonnen. Tausende friedliche Demonstranten zogen damals durch die Straßen von Daraa, Damaskus und Aleppo und forderten demokratische Veränderungen. Die Festnahme und Folter von 15 Jungen, die das "Verbrechen" begangen hatten, regierungsfeindliche Graffiti zu sprühen, hatte sie wütend gemacht, der Sturz der Diktatoren in Ägypten und Tunesien hatte sie ermutigt. Syrer aus allen Gesellschaftsschichten schlossen sich an und forderten von der syrischen Regierung die Freilassung aller politischen Gefangenen, die Aufhebung der seit einem halben Jahrhundert andauernden Notstandsgesetze, die unser Land zu einem Polizeistaat gemacht hatten, und vor allem das Ende des korrupten und illegitimen Assad-Regimes, das unser Land innerhalb von zwei Generationen in ein einziges Gefängnis verwandelt hatte. 

Die Proteste im März 2011 waren Ausdruck echter Verzweiflung. In die Wut mischte sich aber auch Freude. Nach der langen Unterdrückung durch die Geheimpolizei des Baath-Regimes machte es den Demonstranten Spaß, sich über den Diktator und das System lustig zu machen, die so viele in Fesseln gehalten hatten. Singend, tanzend und skandierend zogen sie durch die Straßen Syriens und feierten die – einst unvorstellbare – Möglichkeit, Assad zu stürzen. 

Aber das Fest war schnell vorüber, denn das Assad-Regime begegnete den friedlichen Demonstranten postwendend mit Wasserwerfern und Tränengas, gefolgt von scharfer Munition, Schlägen, Arrest und willkürlichen Festnahmen. Zwei Wochen nach Ausbruch der Proteste gab es schon 70 Tote. Als die Proteste nicht aufhörten, schickte Assad Panzer und ordnete die Belagerung von Städten an. Was Geschosse nicht unterdrücken konnten, erhoffte Assad durch Aushungern der Bevölkerung zu erreichen. Wie sehr er sich täuschte.

Syrien ohne IS und Assad

Die überwiegende Mehrheit unserer Landsleute – einfache Zivilisten – möchte nicht gezwungen werden, zwischen dem Terror des "Islamischen Staats" (IS) und der Tyrannei Assads zu wählen. Seit fünf Jahren erleben wir brutale Luftangriffe, Belagerungen und Blutvergießen, die das Leben in den von Assad-Gegnern beherrschten Gebieten unmöglich machen. Assads perfide Taktik hat Terrorgruppen wie dem IS Raum gegeben, die von Syrern weiterhin abgelehnt und bekämpft werden, da wir immer noch daran glauben, dass ein Syrien ohne IS und Assad möglich ist. Und so haben wir den Kriegsverbrechen von Assad standgehalten, selbst als er Unterstützung von Hisbollah, Iran und Russland erhielt und systematisch gegen alle Grundsätze des humanitären Völkerrechts und der Menschenrechte verstieß, darunter rund zehn Resolutionen des UN-Sicherheitsrats. 

Schätzungsweise 470.000 Menschen sind den Kriegsverbrechen Assads und unserer Weigerung, diese zu akzeptieren, zum Opfer gefallen. Wir haben Opfer gebracht, die die meisten Menschen wohl nie verstehen werden und bringen müssen. Und wir haben all das ohne die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft getan, die unsere Rufe nach Schutz der Zivilbevölkerung ignoriert hat, die Verletzung internationaler Gesetze geschehen ließ und untätig zusah, wie unsere Leute systematisch vernichtet wurden. 

Trotz all dem glauben wir immer noch an ein freies Syrien. Wir können und werden die Herrschaft von Assad niemals akzeptieren. Syrer, Kurden, Alewiten, Drusen, Frauen und Männer, Junge und Alte werden niemals vor Assads Diktatur in die Knie gehen oder seine Kriegsverbrechen beschönigen. 

Leider werden unsere Forderungen, der Herrschaft Assads ein Ende zu machen und ihn für seine Verbrechen zur Rechenschaft zu ziehen, von Gesprächen über Waffenruhen und Verhandlungen zwischen Russland, den USA und der sogenannten ISSG (International Syria Support Group) überschattet. Diese Gruppen müssen erkennen, dass Vereinbarungen, die in Genf oder anderswo geschlossen werden, und etwaige Kompromisse keinen nachhaltigen Erfolg haben werden, wenn sie von den Syrern nicht unterstützt werden

Syrer wollen – und werden – die Herrschaft Assads nicht unterstützen. Er hat zu viele Menschen getötet, zu viele vertrieben und zu große Zerstörung in unserem Land angerichtet, um jemals für die Mehrheit der Syrer akzeptabel zu sein. Waffenruhe hin oder her, unsere Revolution geht weiter. 

Nur Stunden nach Inkrafttreten des vorübergehenden Waffenstillstands am 26. Februar bevölkerten Männer, Frauen und Kinder die Straßen von Da'el, Aleppo und Daraja, um den ungebrochenen Geist der syrischen Revolution zu feiern. Inzwischen gab es mehr als 100 Proteste in ganz Syrien, von Daraa im Süden bis zu Asas im Norden und in nahezu jeder Provinz, einschließlich Damaskus, Aleppo und Homs. Die Demonstranten sangen, tanzten und skandierten ihre Art der Revolution und nutzten freudig einen seltenen Augenblick des relativen Friedens, um demokratischen Wandel und Assads Entmachtung zu fordern. 

Nach einem halben Jahrzehnt der Folter, des Hungers und der Bombardierung fordern wir immer noch dasselbe: ein Ende der Assad-Diktatur, Freiheit für alle Syrer. Mögen auch die Bomben über Syrien vorübergehend schweigen, wir tun es nicht und setzen die Revolution fort, bis wir eine Zukunft ohne Diktatur erreicht haben.