Fünf Tage Feuerpause nach fünf Jahren Krieg – zum Aufatmen ist es noch zu früh. Und doch keimt in Syrien zaghafte Hoffnung. Denn bis auf einzelne Zwischenfälle hat die Waffenruhe bisher gehalten. Gegen alle Vorhersagen und gegen alle begründete Skepsis. Endlich auch gelangen erste Lebensmitteltransporte zur hungernden Bevölkerung belagerter Städte.

Wladimir Putin und Baschar al-Assad haben den Schwarzsehern vor Beginn der Feuerpause im wahrsten Sinne des Wortes noch einmal reichlich Munition geliefert, als sie ihre Angriffe auf die Stellungen der Aufständischen dramatisch steigerten und dabei auch Schulen und Krankenhäuser nicht schonten. Und doch sprechen Kriegslogik und politisches Interesse dafür, dass Putin und Assad bereit sein könnten, sich ernsthaft auf die Friedensgespräche einzulassen, die am kommenden Mittwoch in Genf beginnen sollen, vorausgesetzt, die Kämpfe flammen nicht erneut auf.

Russland hat mit seiner militärischen Intervention in Syrien das Heft des Handelns an sich gerissen. Putin wird jeden Moment genießen, in dem er mit den Amerikanern von gleich zu gleich über das Schicksal Syriens spricht. Er, der viel geschmähte, nach der Krim-Annexion mit Sanktionen belegte und aus dem Kreis der G8 verstoßene Autokrat, demonstriert dieser Tage, dass die Floskel, ohne Russland gebe es keine Lösung, schlicht richtig ist.

Putin fürchtet einen Abnutzungskrieg

Man kann es auch anders formulieren: Putin hat sich auf der weltpolitischen Bühne zurückgemeldet und möchte von dieser so rasch nicht wieder abtreten – nicht aus Schwäche und nicht aufgrund eigener Fehler. Der russische Präsident will sich nicht, wie einst die Sowjetunion in Afghanistan, in einen Abnutzungskrieg ziehen lassen. Er hat Assad vor der sicheren Niederlage bewahrt, aber er weiß auch, dass sich auf und mit Assad keine stabile Ordnung bauen lässt. Deshalb spricht vieles dafür, dass Putin sich auf einen politischen Prozess einlassen wird, in dem die Interessen des Regimes in Damaskus gewahrt bleiben, Assad selbst aber zur Disposition steht.

Etwas anderes wäre für den Westen ohnehin nicht akzeptabel, und schon gar nicht für die Aufständischen, die unter entsetzlichen Opfern für ein Ende der Assad-Barbarei gekämpft haben. Allerdings haben die moderaten Kräfte dabei manch dubiose Allianz geschlossen, die Übergänge zu islamistischen und dschihadistischen Gruppierungen sind fließend geworden.

Wie unübersichtlich die Lage ist, wird schon daran deutlich, dass im Lager der Moderaten nicht weniger als 97 Gruppen durch das Syrische Hohe Verhandlungskomitee vertreten werden. Aber mit und neben ihnen kämpfen auch die Terrororganisation Jabhat al-Nusra, ein Ableger von Al-Kaida, der "Islamische Staat" und die kurdischen Volksverteidigungskräfte YPG gegen das Regime. Von außen mischen der Iran und die Hisbollah, Saudi Arabien und die Türkei mit. Syrien ist ein einziger Ort des Grauens geworden.

Der Diplomatie eine Chance geben

Und sollte es da nicht jeden Versuch wert sein, der Diplomatie eine Chance zu geben? Viel Spott wird über den amerikanischen Außenminister John Kerry ausgegossen, der sich bis zur Erschöpfung bemüht, die wichtigsten Akteure miteinander im Gespräch zu halten, dem bei der Suche nach Frieden kein Strohhalm zu klein ist, um sich daran zu klammern.

Die Schwarzseher mögen sich darüber mokieren und den Friedensprozess für gescheitert erklären, bevor er begonnen hat. Wie elend das ist! Die Diplomaten, die sich am kommenden Mittwoch in Genf unter Leitung des UN-Sondergesandten Staffan de Mistura versammeln wollen, haben jede Unterstützung der in den Konflikt involvierten Kräfte verdient. Aber auch Regierungen, die wie die deutsche eher am Rande eine Rolle spielen, haben – um mit Angela Merkel zu sprechen – "die verdammte Pflicht und Schuldigkeit", dabei zu helfen, dass die Gespräche erfolgreich verlaufen.

Dies ist nicht der erste Anlauf zum Frieden. Vor Staffan de Mistura sind hoch respektierte Vermittler an ihrer aussichtslosen Mission gescheitert. Die schreckliche Wahrheit ist, dass Kriege sich immer viel zu spät erschöpfen. Aber irgendwann kommt der Punkt, an dem auch die kaltblütigsten Zyniker der Macht begreifen, dass es keine politischen Ziele mehr gibt, die ein weiteres Blutvergießen rechtfertigen. Syrien scheint sich diesem Punkt zu nähern. Darum könnte die Feuerpause tatsächlich halten, könnten die Waffen wirklich schweigen.