Russischer SU-24M-Jet auf der Luftwaffenbasis im syrischen Hmeimim © Russian Defense Ministry/AP/dpa

Der vorläufige und teilweise Abzug russischer Soldaten und Flugzeuge aus Syrien wirft viele Fragen auf. Vor einem halben Jahr hatte Russland militärisch in den Krieg dort eingegriffen – an der Seite des Diktators Baschar al-Assad. Das angekündigte Ende der Intervention kommt passend zum Beginn neuer Verhandlungen zwischen Regime und Opposition in Genf, die einen politischen Übergang ermöglichen sollen.

Ist das der Anfang vom Ende des Kriegs?

Man sollte sich – vorerst jedenfalls – auf die Zunge beißen, bevor man diese Frage mit Ja beantwortet. Wladimir Putins Parole "mission accomplished", die am Montag so ziemlich jeden überrascht hat, ist denn auch sofort mit Kleingedrucktem versehen worden: Russland wird seine Militärbasen am Mittelmeerhafen von Tartus sowie das neue Kommandozentrum in Latakia behalten. Eine unbekannte Zahl russischer Militärs bleibt im Land. Die Angriffe der russischen Luftwaffe werden keineswegs eingestellt. Und in einigen Regionen kämpfen weiterhin Anti-Assad-Rebellen gegen regimeloyale Truppen.

Was nichts daran ändert, dass die Waffenruhe seit dem 27. Februar offiziell als "eingehalten" gilt. All das wiederum gibt dem UN-Sondergesandten Staffan de Mistura Anlass, vorsichtigen Optimismus auszustrahlen. Die Erklärung des russischen Präsidenten, so de Mistura, sei eine "bedeutsame Entwicklung".

Syrien - Russlands Abzug aus Syrien weckt Hoffnung für den Friedensprozess Russlands Präsident Wladimir Putin hat rund fünf Monate nach Beginn der russischen Luftangriffe in Syrien den Abzug des Hauptkontingents befohlen. Bundesaußenminister Steinmeier und Vertreter der UN begrüßten den Schritt.

Was sagt das syrische Regime zu Russlands Teilrückzug?

Offiziell war zwischen Moskau und Damaskus alles abgestimmt. Inoffiziell dürfte Assad die russische Ankündigung schwer verstört haben. Einiges spricht dafür, dass Putins jüngster Schritt nicht nur den Rest der Welt verblüffen sollte, sondern auch eine deutliche Botschaft an Assad enthält: Wir haben hier das Kommando, nicht du.

Seit der russischen Luftwaffen-Intervention sei Syrien für Russland kein Verbündeter mehr, schreibt Lina Khatib, Syrien-Expertin bei der Arab Reform Initiative, sondern ein Klient, "von dem absolute Gefügigkeit erwartet wird".

Dieses Machtverhältnis hat das syrische Regime in den vergangenen Wochen mehrfach auf die Probe gestellt: Als Assad in einem Interview unlängst ankündigte, er wolle das ganze Land zurückerobern, folgte aus Moskau eine öffentliche Zurechtweisung. Die Äußerung von Syriens Außenminister Walid al-Moallem am vergangenen Wochenende, Assads Präsidentschaft sei in Genf nicht verhandelbar, löste in Moskau ebenfalls Unmut aus. Russland besteht auf dem Erhalt eines alawitisch dominierten Sicherheitsapparates, auf uneingeschränktem Zugang zu syrischem Territorium und auf den Status als Supermacht auf gleicher Höhe mit den USA. Es besteht nicht auf Assad. Man weiß in Moskau, dass Assad ohne eine große iranisch-russische Okkupationstruppe nie und nimmer die Herrschaft über das gesamte Land zurückgewinnen kann. Diese Option kommt weder für Teheran noch für Moskau infrage.

Also ist Wladimir Putin mit den Gebietsgewinnen der vergangenen Monate womöglich zufrieden und bereit, Syriens Diktator als Zugeständnis an die Opposition zu opfern. Das wäre allerdings ein gutes Zeichen für Genf.

Wie reagieren die Syrer in den Gebieten der Opposition?

In manchen Orten mit Jubel und Süßigkeiten für die Kinder, vielerorts mit einer Mischung aus Erleichterung und Misstrauen. Man kann es den Syrern und Syrerinnen in Daraa, Aleppo oder in den von Rebellen gehaltenen Vororten von Damaskus wirklich nicht verübeln, wenn sie hinter jeder Äußerung von Putin ein doppeltes Spiel vermuten. Der russische Luftkrieg, der im September vergangenen Jahres angeblich gegen den "Islamischen Staat" begonnen wurde, richtete sich vor allem gegen Stellungen gemäßigter Rebellen wie auch gegen zivile Wohngebiete. Gezielte Angriffe auf Schulen und Hospitäler sind vielfältig dokumentiert – und werden von Moskau hartnäckig bestritten.

"Wenn der Abzug der Russen wirklich ernst gemeint ist", sagt Firas al-Said, "dann müssen die anderen ausländischen Kräfte, die Iraner, die Hisbollah, die irakischen Milizen, mit abziehen." Al-Said ist Medien-Aktivist in der Stadt Talbiseh. Gegenüber ZEIT ONLINE hat er schon mehrfach die aktuelle Lage in seiner Stadt beschrieben. Talbiseh nördlich von Homs wurde gleich 2011 von der Freien Syrischen Armee (FSA) befreit, vom Regime mit Fassbomben bombardiert und geriet im September 2015 unter schwere Bombardements der russischen Luftwaffe, weil es an einer strategisch wichtigen Straße liegt.

"Grundsätzlich sind die Leute hier froh über diese Nachricht, jeder ist einfach total erschöpft nach fünf Jahren Krieg und vor allem nach den russischen Luftschlägen der vergangenen Monate." In Talbiseh wie auch in anderen Städten holen die Menschen Luft, aus Daraa wird ein rasanter Anstieg von Hochzeiten gemeldet, anderswo wird der Schulunterricht aus Tunneln wieder in Häuser verlegt. Aber es herrsche auch Verwirrung über die russischen Motive, sagt Al-Said. "Manche befürchten, dass die Iraner jetzt wieder eine größere Rolle spielen."