Es ist die zweite Woche der Feuerpause in Syrien. Aus der Provinz Idlib werden Luftangriffe des Regimes gemeldet, aus Aleppo Raketenbeschuss durch die Al-Nusra-Front, aus Talbiseh Bombardements der russischen Luftwaffe. Noch sind es die Ausnahmen von der Regel. Und die Regel heißt seit dem 27. Februar: In vielen Teilen des Landes fallen zum ersten Mal seit Jahren weder Bomben noch Schüsse. In Damaskus sind die Parks erstmals seit Langem wieder voller Leute; in den von der Opposition kontrollierten Vororten der syrischen Hauptstadt wagen sich die Menschen aus Kellern und Tunneln. In einigen der eingekesselten Orte haben die Vereinten Nationen und der Rote Halbmond inzwischen Hilfslieferungen verteilen können.

Dass die relative Ruhe so lange anhält – genauer gesagt: von den Rebellenfraktionen bislang nicht aufgekündigt worden ist, überrascht selbst notorische Optimisten. Im Februar hatten der amerikanische Außenminister John Kerry und sein russischer Amtskollege Sergej Lawrow die Feuerpause ausgehandelt. Ausgenommen sind der "Islamische Staat", der weiterhin von der US-Geführten Allianz wie auch von Rebellen und dem russisch-iranisch-syrischen Militärbündnis attackiert wird. Damit sind auch die Zivilisten in Städten wie Rakka weiter unter Beschuss. Ausgenommen ist auch die mit Al-Kaida verbündete Al-Nusra-Front.

Der Haken dabei: Die Al-Nusra-Front ist in mehreren Regionen Teil von Rebellenbündnissen – und Russland wie Syrien haben unter diesem Vorwand in den vergangenen Monaten so ziemlich jede bewaffnete Opposition zu Terroristen erklärt und bombardiert. Diese Strategie setzten sie in den vergangenen Tagen fort, wenn auch in stark reduziertem Ausmaß.

"Wir wollen immer noch Freiheit"

Wie geht es jetzt weiter? Eine Antwort auf diese Frage findet man vorerst nicht in Genf, wo am 14. März die Gespräche zwischen Regime und Opposition wieder aufgenommen werden sollen. Eine Antwort findet man in Syrien, wo in diesen Tagen etwas Erstaunliches passiert: Die Menschen demonstrieren wieder – jedenfalls in den Gebieten der Opposition. Sie rufen dieselben Slogans und singen dieselben Lieder wie 2011 zu Beginn der Proteste. Nur stehen sie jetzt mit ihren Fahnen und Transparenten auf den Trümmern zerbombter Städte.

"Syrien ist schön, ohne Assad wird es großartig" lautete vor wenigen Tagen die Parole während einer Kampfpause im oppositionellen Teil Aleppos, dessen geschundene Bewohner einen Nobelpreis für Galgenhumor verdient hätten. "Aus Syrien ist ein Bananenbaum geworden: Alle Affen wollen drauf klettern" stand auf einem anderen Plakat, das die unzähligen Invasoren und Interventionsmächte aufs Korn nahm. "Ein Waffenstillstand bedeutet nicht, dass die Revolution zum Stillstand kommt", skandierten Demonstranten in Saqba, einem oppositionellen Vorort von Damaskus. Andernorts hieß es: "2011, 2012, 2013, 2014, 2015, 2016 – und wir wollen immer noch Freiheit".

Andere Bilder und Videos, von Aktivisten auf Facebook oder YouTube verbreitet, zeugen von der Verzweiflung. "Gott, wir haben niemanden mehr außer Dir" hatte ein Mann auf ein Schild gemalt, mit dem er sich auf den Ruinen eines von Luftangriffen zerstörten Hospitals von Ärzte ohne Grenzen in der Provinz Idlib fotografieren ließ. Und fast überall taucht die Parole auf: "Das Volk will den Sturz des Regimes."

Zivilbevölkerung zwischen Rebellen und Dschihadisten

Wie repräsentativ diese Protestaktionen für die Bevölkerung in den oppositionellen Gebieten sind, lässt sich von außen schwer sagen. Aber man darf sie als Indiz dafür sehen, dass ein großer Teil der Bewohner trotz fünf Jahren Krieg und Zermürbung einen Verhandlungskompromiss, der Baschar al-Assad an der Macht lässt, nicht hinnehmen würde.

Das heißt wiederum nicht, dass die Zivilbevölkerung geschlossen hinter den Rebellen stünde. Die Enttäuschung über die wachsende Korruption und Fraktionierung der Freien Syrischen Armee setzte schon vor drei Jahren ein. Der wachsende Einfluss von anfangs disziplinierteren und besser bewaffneten Islamisten wurde und wird von manchen begrüßt, von anderen aber gefürchtet. Ein Vorfall am vergangenen Montag in der Stadt Idlib illustriert das sehr gut. Dort hatten Kämpfer der Al-Nusra-Front Demonstranten verprügelt, weil diese nicht nur Schmählieder gegen Assad, sondern auch gegen Dschihadisten sangen. In Idlib dominiert eine Allianz islamistischer Fraktionen unter dem Namen Dschaisch al-Fatah (Armee des Sieges) das militärische Geschehen, zu der auch Kämpfer der Al-Nusra-Front gehören. Deren Attacke auf die Demonstration wurde prompt vom örtlichen Scharia-Richter verurteilt – vermutlich, um Al-Nusra in die Schranken zu weisen und die Bevölkerung nicht gegen die Rebellen aufzubringen.

Zwei-Fronten-Kampf bei Aleppo

Solche lokalen Momentaufnahmen zeigen, wie komplex das Verhältnis zwischen bewaffneten und unbewaffneten Assad-Gegnern ist – und wie schwierig es ist, die fraktionierte Opposition zur Einhaltung der Waffenruhe zu zwingen. Dass dies bislang weitgehend klappt, ist nicht nur auf den Druck der Unterstützer aus den USA, Saudi-Arabien und der Türkei zurückzuführen. In den oppositionellen Vororten von Damaskus halten offenbar zivile lokale Komitees die bewaffnete Fraktionen davon ab, fortgesetzte syrisch-russische Luftangriffe in anderen Teilen des Landes ihrerseits mit Artillerie-Beschuss auf die Hauptstadt zu beantworten.

Kann diese humanitäre Atempause Mitte März in Genf in einen Waffenstillstand und ernsthafte Verhandlungen münden? Nichts ist unmöglich, könnte man in einem Anfall von Optimismus sagen. Aber bis auf Weiteres erscheint es nicht wahrscheinlich. Von einer sofortigen, "nachhaltigen" Nothilfe für die belagerten Gebiete zum Beispiel, wie sie im Februar von Kerry und Lawrow vereinbart wurde, kann noch keine Rede sein. Die UN müssen jeden Konvoi von der Regierung in Damaskus genehmigen lassen – und da das Regime für einen Großteil der Belagerungsringe verantwortlich ist, lässt es sich damit unendlich viel Zeit.

Ob es in Genf irgendwelche Fortschritte geben wird, hängt aber vor allem von den Geschehnissen rund um eine Stadt ab: Aleppo. Dort konzentrieren sich die "nicht-dschihadistischen" Rebellen, gewissermaßen der militärische Arm der syrischen Verhandlungsdelegation in Genf. Genau diese Gruppen, die unter anderem von den USA unterstützt werden, stecken nun schon seit zwei Jahren in einem Zwei-Fronten-Kampf zwischen dem Regime und dem "Islamischen Staat". Seit September vergangenen Jahres werden sie massiv von der russischen Luftwaffe ins Visier genommen. Der IS, aber auch Al-Nusra versuchen dort, auf Kosten moderater Aufständischer um Aleppo Boden zu gewinnen, ebenso die Milizen der syrischen Kurden, die sich im syrischen Norden einen autonomen Quasi-Staat schaffen wollen.

Für Teheran und Moskau wird der Krieg zu teuer

Noah Bonsey, Syrien-Experte der International Crisis Group, beschreibt das worst case scenario für den Fall, dass die moderaten Gruppen in Aleppo vollends aufgerieben werden: "Dann gäbe es nur noch zwei Gegner: das Regime und salafistische dschihadistische Gruppierungen." Der Verhandlungsprozess, sagt Bonsey, wäre damit erledigt. Das Regime würde die Unterstützung westlicher Staaten gegen den IS einfordern, "die dschihadistischen Gruppen würden schlagkräftig bleiben und einen langen asymmetrischen Krieg führen". Deeskalation oder gar ein Ende des Konflikts seien dann kaum noch vorstellbar. Und damit auch kein Ende der Flüchtlingskrise.

Bonseys worst case scenario muss nicht eintreten, wenn sich in Teheran wie in Moskau ein paar Einsichten durchsetzen. Zum Beispiel, dass Assad die mit russischer und iranischer Hilfe gewonnenen Gebiete mangels eigener loyaler Bodentruppen gar nicht halten kann. Dass Teile seines alawitischen Machtapparats zunehmend feindselig auf die massive Einflussnahme des Irans in Damaskus reagieren. Und dass dieser Krieg auch für Teheran und Moskau zu teuer werden kann.

Daraus würde noch lange kein good case scenario folgen. Aber es würde für Verhandlungspunkte in Genf sorgen. Riad Hijab, einst Premierminister unter Assad, heute Vorsitzender des Verhandlungskomitees der Opposition, erklärte am Dienstag, man wolle bis zum Wochenende entscheiden, ob man nach Genf reise. Das Syrian Observatory for Human Rights, das seit 2011 die Toten und Verletzten des Krieges dokumentiert, meldete unterdessen einen syrischen oder russischen Luftangriff auf einen Markt in der Provinz Idlib, in dem Menschen in einer Schlange um Diesel anstanden. Es soll 19 Tote gegeben haben.