Fast genau fünf Jahre ist es her, dass ein Fünftklässler mit einer gelben Spraydose die Wände seiner Schule im Südwesten Syriens beschmierte. "Du hast das Land geplündert, oh al-Assad!", sprayte der Junge. Danach wurden er und viele seiner Schulkameraden vom syrischen Geheimdienst verhaftet und gefoltert, tagelang, wochenlang. Als die Eltern der Schulkinder dagegen protestierten, entstanden Massenproteste und in Syrien begannen Kämpfe, die mittlerweile zum schlimmsten Krieg dieses Jahrzehnts geworden sind. Hunderttausende starben, Millionen weitere verloren ihre Heimat.

Abdulrahman heißt der Junge mit der Spraydose, mit dem der Krieg in Syrien begann. Und Wladimir Putin heißt der Mann, der diesen Krieg nun zu einem Ende bringen möchte – zu seinen Bedingungen. Der eine, Abdulrahman, wird eine Fußnote in der Geschichtsschreibung bleiben, der andere, Putin, das Gegenteil. Der russische Präsident hat in Syrien ein geopolitisches Kunststück vollbracht. Erst ist er in den Krieg eingestiegen, an der Seite Assads, gestützt vom Iran und der Hisbollah, jetzt stellt er sich als Friedensstifter dar.

Die Vereinten Nationen loben Putin bereits für die Ankündigung des Rückzugs. Auch US-Präsident Barack Obama begrüßte die Verlautbarung. Plötzlich, so scheint es, gibt es neue Hoffnung für die eben wieder angelaufenen Friedensverhandlungen in Genf, dank Putin.

Schau an, fragt sich mancher Beobachter da zu Recht, dieser Putin, eben noch Kriegstreiber und jetzt der Ordnungsbringer im Durcheinander des syrischen Schlachtfeldes?

So einfach ist es nicht. Denn in der Zwischenzeit flogen Hunderte russische Bomben, weniger auf die Kämpfer des "Islamischen Staats", die doch eigentlich das Ziel sein sollten, vielmehr auf die Anti-Assad-Opposition. Tausende Zivilisten flohen aus der Region Aleppo, weil durch Russlands Luftschläge Assads Truppen vormarschieren konnten.

Das Spiel mit der Öffentlichkeit

Putin ist in Syrien ähnlich vorgegangen wie bei den Kriegen, die er seit seiner Machtübernahme selbst entfacht hat. Tschetschenien, Georgien, Ukraine und nun Syrien. Durch die Erfahrungen in diesen Militäreinsätzen hat der Kreml seine neue hybride Kriegsführung perfektioniert. Ein wesentliches Merkmal: das Spiel mit der Öffentlichkeit und den Medien.

Die beste Kriegs-PR kommt im digitalen Zeitalter aus Russland. "Putin ordnet Truppenabzug in Syrien an", tickerten die Nachrichtenwebsites von Al Jazeera über BBC bis ZEIT ONLINE am Montagabend. Die entscheidenden Einschränkungen, dass die russischen Militärbasen in Syrien weiterhin bestehen bleiben, dass Assad weiter von Putin unterstützt wird, gingen in der Breaking-News-Lage erst mal unter. Die Beeinflussung der Weltöffentlichkeit funktioniert manchmal auch ganz subtil.

Man nutze politische, ökonomische, humanitäre und mediale Einflussmittel, sagte Russlands Generalstabschef Waleri Gerassimow zu dieser neuen Art der Kriegsführung vor wenigen Jahren. "Dazu kommen unterstützende militärische Aktionen mit verdecktem Charakter, einschließlich Informationskrieg und Einsatz von Spezialtruppen." Im Georgien-Krieg war dieses Zusammenspiel von Militär, Medien und Diplomatie erstmals zu studieren. Als sich georgische und russische Panzer gegenüberstanden, waren russische Staatsmedien als Erste dabei, die Erzählung vom georgischen Angriff auf Russland verbreitete sich rasch. Im Ukraine-Krieg hat Russland mit dieser Mischung aus öffentlicher Täuschung, schnellen militärischen Angriffen und diplomatischer Leugnung erst die Krim annektiert, dann den Donbass besetzt.

Machtverhältnisse zurechtgebombt

Wenn man die russischen Kriegseinsätze von Afghanistan (1979) bis Syrien (2015) rational nach Aufwand und Nutzen analysiert, war die Syrien-Mission aus russischer Sicht eher ein perfekter Krieg. Noch vor gut fünf Monaten schien der syrische Autokrat und Putins Verbündeter Baschar al-Assad so gut wie geschlagen. Der Marinestützpunkt in Tartus – seit 1971 unter russischer Kontrolle – galt als potenziell gefährdet. Nun hat Putin nicht nur diese Basis am Mittelmeer, sondern auch noch den Luftwaffenstützpunkt Hmeimim nahe Latakia gesichert. Von hier aus hat der russische Präsident sich die neuen Machtverhältnisse in Syrien zurechtbomben lassen.

An dieser Stelle muss man dann doch noch einmal an den inzwischen 15-jährigen Abdulrahman erinnern. Denn eigentlich, ganz am Anfang des Syrien-Krieges, ging es Abdulrahman und vielen Syrern um ihren Aufstand gegen Assad. Fünf Jahre später hat Putin es geschafft, mit einem schnellen präzisen Eingreifen den Diktator Assad und vor allem seine eigene Position zu stärken. Eine wie auch immer noch auszuhandelnde diplomatische Lösung des Krieges wird in Genf von Russland mitbestimmt. Ähnlich den Verhandlungen in Minsk, die über die Zukunft der Ukraine entschieden, hat Putin erst Fakten geschaffen und will sie nun diplomatisch absichern.

Und falls es in Genf doch nicht so laufen sollte, wie im Kreml geplant, können russische Bomber jederzeit wieder über Syrien starten.