Auf seinem Handy hat Kalil ein Foto von seinem besten Freund Rafaat. Es zeigt den 16-jährige Syrer, wie er in der Münchner Allianz Arena den FC Bayern anfeuert. Rafaat hat die Vereinsfarben auf seine Wange gemalt und lacht. Kalil schaut traurig auf das Bild, und sagt mit leiser Stimme: "Die Europäer können sich abschotten, so sehr sie wollen, ich werde es trotzdem irgendwie zu meinem Freund nach Deutschland schaffen."

Der 15-jährige Syrer, der seinen Nachnamen nicht nennen will, steht in einem Restaurant im Istanbuler Stadtteil Aksaray, in der Murat-Paşa-Straße. Sie liegt auf der europäischen Seite der Megametropole und wird Klein-Damaskus genannt. Denn hier, nur fünfzehn Fahrminuten vom weltberühmten Taksim-Platz entfernt, ist alles fest in syrischer Hand. Die Schilder sind in syrischem Arabisch verfasst. Ein syrisches Geschäft reiht sich an das nächste: Süßwarenhändler, Obstverkäufer, Friseursalons oder Buchhandlungen. Es ist eine Straße, die auch in Kalils Heimatstadt Aleppo liegen könnte – nur dass hier allerorts neben der syrischen Flagge auch die türkische hängt.

Es ist Mittagszeit, die meisten Gäste sind gerade gegangen. Kalil räumt die Tische frei. Er ist flink, drahtig, seine kurzen schwarzen Haare und sein Jogginganzug sehen jedoch ein wenig verwahrlost aus. Vor zwei Jahren, nachdem seine Eltern in den Kriegswirren umgekommen waren, seien er und sein Freund – ein Vollwaise wie er – alleine hierher gekommen, sagt er. Der Jugendliche spricht kaum Türkisch. "Ich habe keine Zeit, in eine Schule zu gehen", erklärt er verlegen. Rafaat habe es hingegen mit Hilfe von Schleusern bis nach Deutschland geschafft. Nun halten sie per Internet den Kontakt.

"Wie kann Angela Merkel uns das antun?"

Mitten im Restaurant, mit leergetrunkenen Wasserflaschen und dreckigen Tellern in den Händen, dankt Kalil Gott, denn es war die erste Reise seines Lebens und er ist vorerst angekommen. Bald will er jedoch weiter in die Bundesrepublik, weil er hier keine Zukunft habe. Dann versenkt er die Hände in seiner Hosentasche, lächelt viel. Es ist die Schutzmaske eines hilflosen Menschen. Er sagt, dass er oft weine. "Wie kann Angela Merkel uns das antun?", fragt er mit verzweifeltem Blick.

Kalils Anklage richtet sich gegen den vor rund drei Wochen verabschiedeten Flüchtlingspakt zwischen der EU und Ankara, der am Montag in Kraft tritt. Der sieht vor, dass Flüchtlinge, die ab dem 20. März illegal von der Türkei nach Griechenland übergesetzt sind, fortan zwangsweise zurückgebracht werden können. Der Pakt soll die Geschäfte der Schleuser erschweren und die illegale Migration beenden. Nach dem 4. April soll dann die Umsiedlung von bis zu 72.000 syrischen Bürgerkriegsflüchtlingen aus der Türkei nach Europa beginnen. Die Grenzschließungen zeigen erste Wirkungen: So haben laut dem griechischen Flüchtlingskrisenstab von Sonntag auf Montag lediglich 232 Flüchtlinge von der türkischen Küste nach Griechenland übergesetzt. Noch im Februar nahmen pro Tag durchschnittlich 2.100 Menschen diesen Weg.